Sonntag, 12. April 2009

Das Unrecht des Vertrages von Lissabon






Heute begann vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Verhandlung der Klagen gegen den Lissabon-Vertrag der EU.Von KARL ALBRECHT SCHACHTSCHNEIDER,
10. Februar 2009 -

Der Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007, Reformvertrag genannt, setzt die Politik der europäischen Integration fort, die mit den Römischen Verträgen 1953 und 1957 begonnen wurde und durch die Einheitliche Europäische Akte 1986, den Vertrag von Maastricht 1992, den Vertrag von Amsterdam 1997 und den Vertrag von Nizza 2001 weiterentwickelt wurde.

Durch den letzten großen Beitritt von 12 Staaten vor allem im Osten und Südosten der Union 2004 und 2007 leben in den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union fast 500 Millionen Menschen.

Die Integrationspolitiker wollen die Union auf eine neue Vertragsgrundlage stellen, die aber weitgehend das geltende Vertragswerk, den sogenannten Besitzstand, beibehält. Nachdem der Vertrag über eine Verfassung für Europa von 2004, der Verfassungsvertrag, in Frankreich und in den Niederlanden durch Volksabstimmung gescheitert ist, versucht der Vertrag von Lissabon dieses Vertragswerk im Wesentlichen, wenn auch ohne den ambitiösen Namen Verfassung zur Geltung zu bringen.

Dieser Vertrag unterscheidet weiterhin den Vertrag über die Europäische Union (EUV) von dem Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV), der den bisher geltenden Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft weiterentwickelt. Zugleich wird durch Art. 6 EUV die Grundrechtecharta der Europäischen Union, die in Nizza 2000 nur deklariert worden war und bisher keine völkerrechtliche Geltung hatte, verbindlicher Teil des Vertragswerks.

Der Sache nach machen die Verträge die Verfassung der Europäischen Union aus. Hinzu kommen eine große Menge von Rechtsakten der Union, vor allem Richtlinien und Verordnungen, die fast alle Lebensbereiche ordnen, vor allem die der Wirtschaft. Das Unionsrecht, das unser Leben weitreichend und tiefgehend bestimmt, findet sich zudem in einer breiten Judikatur der Unionsgerichtsbarkeit, die sich in mehr als einem halben Jahrhundert entwickelt hat und deren amtliche Sammlung fast zwanzig Meter im Regal in Anspruch nimmt.

Deutschland hat den Vertrag von Lissabon bisher genauso wenig wie Großbritannien, Polen, Tschechien und weitere Mitgliedstaaten ratifiziert, weil erst noch dessen Verfassungsmäßigkeit von den nationalen Verfassungsgerichten entschieden werden soll. Auch in Österreich ist Verfassungsklage gegen den allerdings schon ratifizierten Vertrag eingereicht, wie in Deutschland (u.a.) von mir verfaßt.

Die Iren haben den Vertrag durch Volksabstimmung abgelehnt. Damit ist der Vertrag gescheitert, aber man versucht, ihn doch so, wie er ist, oder ein wenig abgewandelt durchzusetzen.Falls der Vertrag von Lissabon zur Geltung kommt, verabschieden sich die Völker der Union endgültig von den fundamentalen Verfassungsprinzipien, die Grundlage ihrer politischen Kultur sind.

Deutschland darf nach dem Integrationsartikel des Grundgesetzes nur „zur Verwirklichung eines vereinten Europas bei der Entwicklung der Europäischen Union mitwirken, die demokratischen, rechtsstaatlichen, sozialen und föderativen Grundsätzen und dem Grundsatz der Subsidiarität verpflichtet ist und einen diesem Grundgesetz im wesentlichen vergleichbaren Grundrechtsschutz gewährleistet“ (Absatz 1 Satz 1 des Art. 23 GG).

Die Mitgliedstaaten der Union sind schon jetzt, aber erst recht, wenn der Reformvertrag in Kraft tritt, keine Demokratien, keine Rechtsstaaten und keine Sozialstaaten mehr. Sie büßen den Grundrechteschutz im Wesentlichen ein. Der Föderalismus der Mitgliedstaaten, die bundesstaatlich gestaltet sind, wird geschwächt; denn die Länder werden durch Art. 4 Abs. 2 S. 1 EUV zu „regionalen Selbstverwaltungen“ herabgestuft. Dem Grundsatz der Subsidiarität wird die Wirksamkeit genommen.

All die genannten Verfassungsprinzipien stehen nicht zur Disposition der Politik. Sie sind in Art. 1 GG, der die Würde des Menschen für unantastbar erklärt und Deutschland den Menschenrechten „als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ verpflichtet, und in Art. 20 GG, wonach „die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist (Absatz 1) und vor allem „alle Staatsgewalt vom Volkes ausgeht“, die „vom Volk in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“ wird (Absatz 2), verankert.

Die Grundsätze dieser Artikel und insbesondere die „Gliederung des Bundes in Länder“ entzieht Art. 79 Abs. 3 GG einer Verfassungsgesetzänderung. Sie sind, was gewichtiger ist, die Verfassung der Menschheit des Menschen und darum jeder Politik entzogen, welche Verwirklichung des guten Lebens aller in allgemeiner Freiheit auf der Grundlage der Wahrheit sein will und sein muß, wenn sie der Würde des Menschen gerecht werden will.

Die europäische Integration leidet an einem unheilbaren Demokratiedefizit. Es gibt kein Volk der Unionsbürger, das die Ausübung der Hoheitsgewalt der Union zu legitimieren vermöchte. Ein solches Unionsvolk kann nur eine Unionsverfassung begründen, der alle Unionsbürger durch Volksabstimmung zugestimmt haben. Ein solcher Schritt setzt voraus, daß zunächst die Völker der Mitgliedstaaten sich für einen solchen existentiellen Unionsstaat öffnen und ihre Staatsgewalt zugunsten der originären Staatsgewalt eines solchen Unionsvolkes einzuschränken bereit erklären. Das geht nicht ohne Volksabstimmungen in den einzelnen Mitgliedstaaten, welche die Parteienoligarchien fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

In den Verfassungen der Völker ist verankert, daß alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, in Deutschland vom deutschen Volk. Dieses Fundamentalprinzip der Demokratie dürfen die Verträge nicht unterlaufen. Sie versuchen es aber, indem etwa fingiert wird, daß im Europäischen Parlament „die Bürgerinnen und Bürger auf Unionsebene unmittelbar vertreten sind“ (Art. 10 Abs. 2 EUV).

Diese Versammlung ist im Rechtssinne kein Parlament, sondern wird nur so genannt. Es hat keine demokratische Legitimationskraft, weil es nicht ein Volk mit originärer Hoheit repräsentiert, wenn jetzt auch erklärt wird, daß es aus „Vertretern der Unionsbürgerinnen und Unionsbürgern zusammengesetzt“ sei (Art. 14 Abs. 2 EUV).

Die Abgeordneten werden nicht nur nach unterschiedlichem Wahlrecht, sondern vor allem nicht gleichheitlich gewählt. Mit der politischen Freiheit ist es unvereinbar, wenn das Stimmgewicht der Wähler eines Parlaments ungleich ist. Deren Stimmgewicht weicht bis zum Zwölffachen voneinander ab. Die demokratische Legitimation der Rechtsetzung der Union leisten darum im Wesentlichen die nationalen Parlamente, wie das Bundesverfassungsgericht im Maastricht-Urteil von 1993 geklärt hat. Das setzt aber voraus, daß die Parlamente die Politik der Union verantworten können, was wiederum voraussetzt, daß sie diese voraussehen können, wie das Gericht ausgesprochen hat. Davon kann angesichts der so gut wie unbegrenzten Weite der Ermächtigungen der Union keine Rede sein. Ständig überrascht diese mit Maßnahmen, die niemand für möglich gehalten hat, die jedenfalls die Bundestagsabgeordneten nicht zu verantworten gewagt hätten.

So hat die Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union zur Niederlassungsfreiheit das Ende der deutschen Unternehmensmitbestimmung eingeleitet.Das fast ausnahmslos von diesem Gerichtshof um der Grund- oder Marktfreiheiten (Warenverkehrs-, Niederlassungs-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrsfreiheit sowie Arbeitnehmerfreizügigkeit) willen durchgesetzte Herkunftslandsprinzip, das nirgends in den Verträgen steht, aber mit einem Vertrauensprinzip begründet wird, das zur Anerkennung der Rechtsordnungen, der jeweils anderen Mitgliedstaaten, etwa deren Arbeits-, Lebensmittel- und Gesellschaftsrechts, verpflichte, führt dazu, daß in jedem Mitgliedstaat 27 Rechtsordnungen gelten, von denen nur eine, die des Bestimmungslandes, demokratisch von dem betroffenen Volk legitimiert ist.

Demokratisch wäre die Rechtsetzung der Union, wenn den Rechtssätzen alle Parlamente der Mitgliedstaaten zustimmen müßten. Das würde die Integrationsentwicklung nicht beschleunigen, aber der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen dienen. Man muß von den Parlamentariern erwarten können, daß sie zu einer Politik der praktischen Vernunft fähig sind und nicht lediglich Interessen bedienen. Eine Politik der praktischen Vernunft ist Erkenntnis von Wahrheit und Richtigkeit, die auch unions­weit Politik ermöglicht, zumal das Subsidiaritätsprinzip gebietet, daß sich die Union nur mit den Politiken befaßt, die gemeinschaftlich verwirklicht werden müssen, etwa gemeinsame Grundsätze der Handelspolitik und der Wettbewerbspolitik oder auch eine gemeinsame Verteidigungspolitik.

Die Union wirkt aber in alle Lebensbereiche hinein, auch in die Hochschulpolitik, ja die Schulpolitik und die Familienpolitik.Nur die strikte Wahrung des Subsidiaritätsgrundsatzes vermag eine gemeinschaftliche Ausübung der Staatsgewalt der Mitgliedstaaten durch die Union, vorausgesetzt diese wird demokratisch gestaltet, zu rechtfertigen, wenn Europa europäisch bleiben soll, d.h. die nationale Identität der Völker geachtet wird, wie das Art. 4 Abs. 2 S. 1 EUV zusagt. Das Subsidiaritätsprinzip verantworten aber nach dem Vertrag von Lissabon ausschließlich Unionsorgane, letztlich der Gerichtshof. Ein Drittel der nationalen Parlamente kann ein mehr als klägliches Vorwarnsystem in Gang setzten, welches die Kommission nicht verpflichtet, den Rechtsakt zurückzuziehen.

Wenn es um den Raum von Freiheit, Sicherheit und Recht, also um Grenz-, Zuwanderungs-, Polizei- und Justizpolitik geht, genügt ein Viertel der Parlamente. Die Subsidiarität muß jedoch rechtens jeder Mitgliedstaat selbst beurteilen, jedenfalls Deutschland nach Art. 23 Abs. 1 S. 1 GG. Dem zuwider haben Bundestag und Bundesrat eine Ergänzung des Art. 23 GG durch einen Absatz 1 a beschlossen, wonach nur diese beiden Organe wegen der Subsidiaritätsfrage den Gerichtshof der Union anrufen können, auch nur in einer Frist von zwei Monaten. Das entzieht nicht nur dem Bundesverfassungsgericht die Subsidiaritätsverantwortung, sondern schließt es aus, die Subsidiarität gegen die Kompetenzausübung der Union in anderen Verfahren zur Geltung zu bringen, obwohl nach dem Maastricht-Urteil kompetenz- und damit auch subsidiaritätswidrige Rechtsetzungsakte der Union in Deutschland keine Wirkung entfalten dürfen. Kein Bürger kann sich nach dieser Änderung des Grundgesetzes noch auf das Subsidiaritätsprinzip berufen und keine Behörde und kein Gericht kann es mehr geltend machen. Das ist eine unfaßbare Verletzung des demokratischen Prinzips.Darüber hinaus ruiniert die europäische Integration die seit der Aufklärung als unverzichtbar gelehrten und weithin gelebten Prinzipien des Rechtsstaates, namentlich die Gewaltenteilung und, schlimmer noch, den Rechtsschutz. Die Rechtsetzung der Union ist durchgehend exekutivistisch und nicht im freiheitlichen Sinne parlamentarisch. Ohne Demokratie gibt es keinen Rechtsstaat. Der Rechtsschutz ist weitestgehend, jedenfalls der Schutz der großen Prinzipien des Rechts, vor allem der Menschen- und Grundrechte, in die Hand der Unionsgerichtsbarkeit gelangt. Diese aber ist durch nichts demokratisch legitimiert und damit zur Rechtsprechung im Namen eines Volkes oder der Völker nicht fähig.

Die Rechtsprechung in Grundsatzfragen bedarf der starken demokratischen Legitimation. Jeder Mitgliedstaat stellt einen der 27 Richter des Gerichtshofs und des Gerichts der Union, die im gegenseitigen Einvernehmen der Regierungen für sechs Jahre ernannt werden, ausgerechnet von denen, die das Recht am meisten gefährden. Wirklich unabhängig sind solche Richter nicht. In diesen Gerichten judizieren meist fremde Richter über das Recht von Völkern, das sie nicht kennen, dessen Sprache sie nicht sprechen und von dem diese nicht gewählt sind, geschweige denn, daß die Völker die Judikate der Richter zu verstehen vermögen. Der Gerichtshof der Union hat in einem halben Jahrhundert nicht ein einziges Mal einen von den unzählbaren Rechtsetzungsakten der Union als grundrechtswidrig zu erkennen vermocht.

Der Grundrechtsschutz ist durch die europäische Integration weitestgehend verloren, jedenfalls im Bereich der Wirtschaft.Mit der Demokratie ist auch der Sozialstaat ruiniert. Der Motor der sozialen Entwicklung ist nun einmal das demokratische Wahlverfahren. Dieses ist in der Unionspolitik so gut wie wirkungslos. Die verheerenden sozialen Entwicklungen sind tagtäglich zu beobachten. Sie werden allerorts beklagt, ohne daß die wirklichen Ursachen benannt werden. Weil die Union zur Sozialpolitik, die gesetzgeberisch gestaltet werden muß, trotz hinreichender Befugnisse wegen der Mehrheitsverhältnisse nicht fähig ist, entfaltet sich das Kapitalprinzip, gestützt durch die Deregulierungswirkung der Grundfreiheiten, die der Europäische Gerichtshof geradezu ins Extreme getrieben hat.
Die kraft des Unionsrechts weltweite Kapitalverkehrsfreiheit des Art. 63 Abs. 1 AEUV ist das wirklich die Lebensverhältnisse in der Union bewegende Prinzip, das zu dem Verfall der Sozialstaaten geführt hat. Deutschland hätte die Finanzmarktkrise ohne die Kapitalverkehrsfreiheit abwehren können.
Die Unionspolitik hat sich weit von den sozialen Grundrechten entfernt, die in den großen Menschenrechtserklärungen verankert sind, vor allem gänzlich von dem Recht auf Arbeit des Artikel 23 Absatz 1, aber auch schmerzlich von dem Recht auf Eigentum des Artikel 17 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Auch das Menschenrecht des Artikel 23 Absatz 3 „auf angemessene und befriedigende Entlohnung“ der Arbeit wird millionenfach mißachtet; denn es gibt ein Recht auf Entgelt, das es dem Arbeitnehmer und seiner Familie ermöglicht, „eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz zu sichern“. Heute müssen meist zwei Menschen, Mann und Frau, arbeiten, um das Leben einer Familie mehr oder weniger kärglich zu fristen, zumal wenn die Familie mehrere Kinder hat. Das menschenrechtliche Familienprinzip ist entwertet.Die Europäische Union ist eine Region des globalen Kapitalismus.

Die Welthandelsordnung, die keinerlei soziale Aspekte berücksichtigt, ist das wirkliche Grundgesetz unserer Lebensverhältnisse. Die Wirtschaftsverfassung Deutschlands ist wegen des Verfassungsrangs des Sozialprinzips die marktliche Sozialwirtschaft. Nicht nur Effizienzgesichtspunkte, sondern auch die Wirtschaftsgrundrechte rechtfertigen die Marktlichkeit der Wirtschaftsordnung. Diese aber muß sich dem Sozialprinzip fügen. Die Wirtschaft, vor allem das Kapital, darf nur eine dienende Funktion im Gemeinwesen beanspruchen. Von dieser Wirtschaftsverfassung hat sich Deutschland durch die Integration in die Europäische Union zugunsten einer „offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb“ (Art. 119 u.ö. AEUV) verabschiedet.
Die Freiheit des Wettbewerbs ist nichts als Liberalismus ohne soziale Aspekte, der die ausbeuterischen Verhältnisse unserer Gegenwart ermöglicht. Der globale Wirtschaftskrieg ist mangels wettbewerbsgemäßer Chancengleichheit rechtlos.

Die Grundrechtecharta schwächt den Grundrechteschutz ungemein. Sie verlagert diesen weitestgehend, nämlich in allen Unionssachen, auf die Gerichtsbarkeit der Union. Diese ist weder demokratisch legitimiert noch gar strukturell zum Grundrechteschutz befähigt. Ihre Judikate sind meist Apologie der Politik der Kommission und des Rates. Die Integrationsinteressen der Union jedoch setzt der Gerichtshof gegen die Mitgliedstaaten strikt durch. Er versteht sich als Motor der Integration.

Die in der Grundrechtecharta vorgezeichnete Dogmatik wird die Grundrechte wie in der Weimarer Zeit der Gesetzgebung, jetzt den Maßnahmen der Union, unterwerfen und nicht etwa umgekehrt, wie nach dem Grundgesetz, die Gesetzgebung in die Schranken der Grundrechte weisen.

Mit dem Vertrag von Lissabon wird die Union endgültig ein Bundesstaat. Die Aufgaben und Befugnisse der Union gehen längst weiter als etwa die des Bundes gegenüber den Ländern in Deutschland. Man bestreitet die Bundesstaatlichkeit der Union, weil sie nach dem Grundgesetz und nach den Verfassungsgesetzen anderer Mitgliedstaaten kein Bundesstaat sein dürfe. Das hängt freilich von dem Begriff des Bundesstaates ab. Die Union wird ein echter Bundesstaat, weil sie auf Vertrag beruht, nicht ein unechter Bundesstaat wie Deutschland und Österreich, die durch Verfassungsgesetze begründet sind. Ein Bundesstaat, der wie die Union über Aufgaben und Befugnisse existentieller Staatlichkeit verfügt, muß demokratisch legitimiert sein. Diese originäre Legitimation könnte, wie gesagt, nur ein europäisches Unionsvolk geben. Der Unionsstaat verfügt spätestens mit dem Vertrag von Lissabon auch über weitreichende bundesstaatstypische Kompetenz-Kompetenzen. Er kann nicht nur seine Befugnisse im Interesse der Zielverwirklichung ohne Mitwirkung der nationalen Parlamente erweitern (Art. 352 AEUV) und wird nicht nur ermächtigt, Unionssteuern zu erheben (Art. 311 AEUV), sondern maßt sich im „vereinfachten Änderungsverfahren“ des Art. 48 Abs. 6 EUV die Ermächtigung an, so gut wie das gesamte Vertragswerk ganz oder zum Teil (außer der Außen- und Sicherheitspolitik) durch Beschluß des Europäischen Rates zu ändern. Dem müssen die nationalen Parlamente nur zustimmen, wenn das in ihren Verfassungsgesetzen steht. In Deutschland und Österreich ist das jedenfalls nicht der Fall. Bundestag und Bundesrat wie der Nationalrat können nur Stellungnahmen abgeben, die berücksichtigt werden können und sollen, aber nicht beachtet zu werden pflegen. Die Ermächtigung zum vereinfachten Änderungsverfahren ist nichts anderes als eine Diktaturverfassung.

Der Vertrag von Lissabon verpflichtet die Mitgliedstaaten der Union nicht nur zur Aufrüstung (Art. 42 Abs. 3 Unterabs. 2 EUV), sondern schreibt sich in Art. 43 Abs. 1 EUV ein Recht zum Kiege zu, das ius ad bellum, insbesondere zur Bekämpfung des Terrorismus in aller Welt. Das verdrängt das Verbot des Angriffskrieges des Art. 26 Abs. 1 GG. Dazu paßt es, daß für den Fall des Krieges oder drohender Kriegsgefahr entgegen dem Grundrecht auf Leben nach den näheren Regelungen der Grundrechtecharta die Todesstrafe eingeführt werden darf, auch durch Beschlüsse des Rates über die allgemeinen Durchführungsbestimmungen von Missionen (Art. 43 Abs. 2 S. 1 EUV).

Die Verfassung der Europäischen Union muß neu geschrieben werden – aber ganz anders, nämlich so, dass wir in einem europäischen Europa leben können, in einem Europa der Freiheit und des Rechts, der Demokratien und der Sozialstaaten, in Republiken, nicht in einer Diktatur der Industrien, Banken und ihren einem machtvollen Lobbying ausgesetzten Bürokratien. Das vereinte Europa kann rechtens nur eine Republik von Republiken sein, ein „Föderalism freier Staaten“, wie in Kant in seiner wegweisenden Schrift „Zum ewigen Frieden“ entworfen hat.

Dieser Artikel erschien zuerst in Heft 1/2009 "Hintergrund - Das Nachrichtenmagazin". Der Autor: Prof. Dr. iur. Schachtschneider ist Professor emer. für Öffentliches Recht an der Universität Erlangen-Nürnberg. Als Staatsrechtler vertritt Schachtschneider eine von Kants Freiheitslehre und den Ideen der europäischen Aufklärung ausgehende Freiheits-, Rechts- und Staatslehre. Er hat eine Reihe von Verfassungsbeschwerden eingereicht, so auch gegen den EU-Reformvertrag.

Quelle: http://www.hintergrund.de/20090210353/politik/inland/das-unrecht-des-vertrages-von-lissabon.html

Referat von Prof. Schachtschneider: EU Verfassung 1 und EU Verfassung 2

http://de.youtube.com/watch?v=qWZbEKjcd1M

http://de.youtube.com/watch?v=Una0YJtLQ2g&feature=related

Dienstag, 31. März 2009

Kirchen und Universitäten als Ansprechpartner für Islamisten

Wohl die meisten deutschen Christen, und das sind immerhin 60% der deutschen Bevölkerung, fragen sich, warum lässt sich das von den evangelischen/katholischen Kirchen vertretene Christentum zu keiner differenzierten Stellungnahme gegen die Auswüchse des Islam bewegen.

Die wenigsten Menschen haben die Zeit, sich umfassend zu informieren. Das Ergebnis davon ist, dass überwiegend die Meinung vorherrscht, dass der Islam nichts anderes ist, als das Christentum, eine Religion. Daraus resultiert, dass die meisten Menschen nicht wahrnehmen, dass eben eine Moschee nicht gleichzusetzen ist mit einer Kirche.
Hier die Zusammenfassung von Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann aus dem Jahr 2002:

Kirchen und Universitäten als
Ansprechpartner islamistischer Aktivisten
Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann

Das Netzwerk der Islamisten besteht international,
ist technisch hervorragend ausgestattet, finanziell
unabhängig, und es gibt keinen einzigen Bereich,
der für sie nicht von Interesse wäre.
Dabei denken sie kurz-, mittel- und langfristig,
sind also z.B. nicht von Wahlperioden abhängig,
und sie haben längst gelernt, andere, durchaus
auch ihnen entgegen wirkende und gesetzte
Kräfte sowie deren Ideologien und Strukturen
zu nutzen, wenn es ihnen selbst Vorteile bringt,
und sie mit deren eigenen Waffen zu schlagen.

Zwei von den zahlreichen Institutionen, die sie
in Deutschland für ihre Zwecke instrumentalisieren,
will ich im folgenden in den Blick nehmen: die Kirchen
und die Universitäten.
a) Kirchen
Es ist zu vermuten, dass die Islamisten zunächst
einmal die christlichen Kirchen nicht gerade als
Förderer des Islam betrachtet und dass sie sich
kaum vorgestellt haben, dass ausgerechnet Kirchen
sie als besonders wichtige muslimische
Ansprechpartner in Deutschland ausersehen würden.
Keinem vernünftig denkenden Muslim - gleich
welcher Ausrichtung - kann es einleuchten, dass
man hierzulande die Kirchen als Partner gewinnen
und ihnen gleichzeitig in den islamischen Ländern
die elementaren Rechte auf Religionsfreiheit
vorenthalten könnte.
Dort ist christliche Mission unter Muslimen genauso
verboten wie der Bau von Kirchen, während Muslime
hierzulande frei missionieren dürfen und Moschee
auf Moschee wie ein Netz das ganze Land
überspannt.
Pfarrer sorgen sogar dafür, dass Moscheen neben
die Kirche gebaut werden - wie in Mannheim die
Yavuz Sultan Selim Moschee neben der katholischen
Liebfrauenkirche errichtet wurde - oder setzen - wie
der evangelische Pfarrer im hessischen Städtchen
Stadtallendorf - den ersten Spatenstich für die
Grundsteinlegung der dreistöckigen Fatih Camii,
deren Namen - ins Deutsche übersetzt -
„Eroberer-Moschee“ bedeutet.
Wie der Pfarrer,
so zumindest ein Teil der Gemeinde: und so lautet
eine von vielen vergleichbaren Zeitungsmeldungen:
„Als ein Symbol gegenseitiger Toleranz und
verständnisvoller Zusammenarbeit feierten
Muslime gemeinsam mit Christen die
Grundsteinlegung für Essens erste 'richtige'
Moschee in Katernberg".

Gemeinsam freut man sich auch hier -
christlicherseits ganz naiv - über die neue
Moschee mit Namen Fatih Camii, also „Eroberer-
Moschee“.
Da macht ja schon eher das gemeinsame
Friedensgebet von Muslimen und Christen
anlässlich des 11. September 2001 in der
Fatih Camii von Milli Görüs in Gröpelingen/
Bremen Sinn.
Kostenlos für Islamisten und außerordentlich
effektiv ist das Eingehen auf das primär, wenn
nicht ausschließlich christliche Interesse am
Dialog. Das Bedürfnis, christliche Nächstenliebe
auf Gedeih und Verderb zu praktizieren,
kennzeichnet dabei mehr noch als die vor- und
umsichtigeren Katholiken die Protestanten, die
mit Ausnahme weniger Standhafter - ihren
Alleinvertretungsanspruch längst aufgegeben
haben und der nachrückenden Religion, die sich
aufgrund muslimischerseits erhoffter
demographischer Verschiebungen durchaus
als solche geriert, nicht nur den Platz räumt,
sondern diese Entwicklung nach Kräften fördert.
Tatsächlich ist der sogenannte Dialog schon
zu einem Ritual geworden, das zwar immer weitere
Kreise zieht und auch thematisch erweitert wird,
letztlich jedoch in Einseitigkeiten erstarrt und
unfruchtbar bleibt. Dennoch ist Dialog notwendig;
nur muss er mit Realismus betrieben werden.
Die Kirchen üben sich nach wie vor in
Verharmlosung.
Wer aber den Terrorismus
nicht als von der Religion losgelöste, rein politische
Agitation betrachtet, der erkennt auch nicht, dass
der Islam als meines Wissens einzige Religion auf
dieser Welt -wenn auch unter bestimmten Bedingungen -
ein positives Verhältnis zu Krieg und zum
Glaubenskampf mit der Waffe in der Hand bis
hin zum Märtyrertod aufweist.
Dies und auch die vielfältige und
tiefgreifende Spannung islamistischer
Ideologie zu unserem Grundgesetz
mitsamt den Menschenrechten
und anderen rechtlichen Bestimmungen
ficht einen beachtenswerten Teil
insbesondere der Evangelischen
Kirche in Deutschland, der EKD, nicht an.
Im folgenden werde ich mich im wesentlichen
auf die Protestanten beschränken.
Die offizielle Handreichung der EKD
„Zusammenleben mit Muslimen in
Deutschland“ endet mit der
abschließenden Überlegung, wie man
den Verkauf leerstehender Kirchen an
Moschee-Vereine der jeweiligen Nachbarschaft
dieser Gebäude schmackhaft machen könne.
Dass es sich bei diesen Moschee-Vereinen u.a.
um die vom Verfassungsschutz als
verfassungsfeindlich und extremistisch
eingestufte antijüdische und anti-christliche
Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG)
handelt, irritiert nicht sonderlich; überhaupt
hat man insbesondere bei manchen
Kirchenvertretern, und nicht nur bei ihnen,
das Gefühl, sie verwechselten den
Verfassungsschutz mit einer
gesetzesfeindlichen Institution.
Kirchenleute - aber keineswegs nur
sie - glauben zudem besonders gerne
an die These, in Europa sei ein
europäischer Islam im Anmarsch, der
säkular und demokratisch sei und die
Menschenrechte komplett verinnerlicht
habe.
Sofern diese Stufe noch nicht ganz
erklommen sei, könne man - dies ist
kirchlicherseits eine gnadenlose
Selbstüberschätzung - in dieser
Hinsicht Entwicklungshilfe leisten.
Zunehmend haben Islamisten und streng
orthodoxe Muslime erkannt, wie wertvoll
die Unterstützung von Pfarrern, von etlichen
- nicht allen - aktiven oder bereits
pensionierten kirchlichen Islambeauftragten
und von Vertretern höherer kirchlicher
Ämter für sie ist.
Dass Pfarrer als hervorragende
Multiplikatoren der Akzeptanz des
Islam dienen, hat schon der
Konvertit und Psychologe
Dr. Ibrahim Rüschoff,
der das Institut „Islamische
Arbeitsgemeinschaft
für Sozial- und Erziehungshilfe (IASE)“ ins
Leben gerufen hat, in seiner Schrift
„Da’wa unter Nicht-Muslimen“ begrüßt;
„da’wa“ bedeutet „Mission“.
Er schreibt: „Neben den Beispielen
inhaltlicher Voraussetzungen bietet
das Christentum, und hier vor allem
die Katholische Kirche, auch strukturelle
Bedingungen, die uns die Da’wa erleichtern.
Zum einen lässt sich die Lehre gut
definieren; man kauft sich einen
Katechismus oder eine der
(mit kirchlicher Erlaubnis
gedruckten) einführenden Schriften
und weiß verhältnismäßig schnell
woran man ist, denn die grundlegenden
Lehren sind hier zusammengefaßt und
knapp erläutert. Zum anderen verfügen
die meisten Kirchen über eine Hierarchie,
die sich besonders auf der unteren Ebene
der Pfarrer und Kapläne als
Ansprechpartner anbietet, da diese
für uns wichtige ‚Multiplikatoren’ sind,
die in Vorträgen und von der Kanzel das
Bild des Islam nachhaltig beeinflussen
können. Außerdem ermöglicht uns diese
Hierarchie, etwas ‚Offizielles’ zu einem
Sachverhalt zu erlangen.“
Die von Vertretern insbesondere der EKD immer
wieder eingeforderten Dialog-Runden, die keinerlei
Berührungsängste mit verfassungsfeindlichen
Organisationen auf islamischer Seite, noch
weniger eine kritische Auseinandersetzung
mit diesen erkennen lassen, berufen sich dafür auf
die angeblichen Gemeinsamkeiten der drei
sogenannten „abrahamitischen Religionen“
(Judentum-Christentum-Islam).
Tatsächlich lassen die Islamisten die EKD
für sich arbeiten, wobei sie im Rahmen
derartiger Diskussionsrunden ihre Klagen
über Benachteiligung, Diskriminierung und
immer auch ihre Forderungen z.B. nach
politischer Gleichbehandlung mit den
Kirchen anbringen, so dass die
Interessenvertreter der
Religionsgemeinschaften ihre
Position gegen den säkularen Staat stärken.
Ein gemeinsames Interesse ist z.B. Der
staatliche Religionsunterricht an
öffentlichen Schulen.
Die islamistischen Organisationen nutzen
darüber hinaus kirchliche Strukturen und
Kontakte, um sich Zugang zu ihnen noch
verschlossenen Institutionen zu verschaffen.
Das klappt ganz vorzüglich:
Das beste Beispiel ist der Vortrag des obersten
Repräsentanten der EKD Manfred Kock in der
Bonner Geschäftsstelle des von Milli Görüs (IGMG)
dominierten Islamrats am 16. September 1999,
ein Ereignis, auf das sich Vertreter des Islamrats
auf Veranstaltungen zu dessen Legitimation
immer wieder berufen.
Dass es um den Islamrat mitsamt IGMG derzeit
still geworden ist, ist nicht das Verdienst der
offiziellen Vertreter des Christentums; in Hamburg
werden z.B. nach wie vor mit Hilfe von Theologen in
der EKD und in der Universität die Schura und ihre
Hauptvertreter, die IGMG genauso wie das schiitische
Islamische Zentrum Hamburg, weiter gefördert.
Wenn der Evangelische Pressedienst epd
ausgerechnet auch noch in der Rubrik
„Entwicklungspolitik“ den Artikel des
engagierten Milli Görüs- und Schura-
Funktionärs Mustafa Yolda mit dem
Titel „Plädoyer für Milli Görüsch“ propagiert,
fragt man sich verzweifelt, was eigentlich
noch alles passieren muss, um diese
Leute wachzurütteln.
Da ist auch keine Einsicht zu erwarten, wenn sich
der hessische Innenminister Volker Bouffier in
einer Presseerklärung vom 21. August 2002 zum
jüngsten Hessischen Verfassungsschutzbericht
über Milli Görüs wie folgt äußert:
„Nach außen wird von Toleranz und Dialog
gesprochen, nach innen wird gegenFreiheit
und Menschenrechte agitiert. Hinter
manchem Schalmeienklang, der ertönt,
steckt in Wahrheit eine Kriegstrommel“.
Ganz offensichtlich versteht die Pfarrerschaft in
ihrer überwiegenden Mehrheit nicht, dass eine
Moschee eben kein Pendant zu einer Kirche ist.
Die christliche Kirche als sakrales Bauwerk dient
ausschließlich religiösen Riten wie Gottesdiensten,
Taufen und Eheschließungen. Die Moschee aber ist
schon seit Muhammads Zeiten auch der Ort
politischen und wirtschaftlichen Agierens, und es
ist innerislamisch durchaus umstritten, ob sie
überhaupt als „Sakralbau“ gelten kann.
In fundamentalistischen Moscheen sind politische
Agitationen dementsprechend keine Seltenheit.
Dahinter steht das allgemeinislamische Konzept,
dass „Staat und Religion“ (dîn wa daula) stets eine
unauflösliche Einheit darstellen sollen.
Derzeit hat sich als Hauptvertreter der Muslime
in Deutschland der Zentralrat mit dem in Mekka
gebürtigen Dr. Nadeem Elyas an der Spitze
etabliert, nachdem die IGMG und mit ihr der
Islamrat ins Zwielicht geraten sind. Es gibt
keine Runde, kein politisches Gespräch, kaum
eine kirchliche oder sonstige „Dialog“-Veranstaltung
ohne den Zentralrat, keine Gerichtsverhandlung
um Kopftuch oder Schächten ohne die persönliche
Anwesenheit seines Vorsitzenden Dr. Nadeem Elyas.
Herr Elyas, der seine Zugehörigkeit zu den
Muslimbrüdern bestreitet, vertritt dabei einen
streng wahhabitischen, puristischen Islam.
Hierzulande werden derzeit und vorläufig nur die
Vorstufen eines stringenten komplexen Systems
etabliert. Auch wenn ich den Zentralrat nicht als
extremistisch bezeichnen möchte, so sind doch
unter seinen Mitgliedsvereinigungen
Organisationen der Muslimbrüder mitsamt ihrem
Dachverband Islamische Gemeinschaft in Deutschland
(IGD), die nicht vom Zentralrat getrennt gesehen
werden dürfen. Auch der kürzlich verbotene al-Aqsa-
Verein ist nicht isoliert zu betrachten.
Ein charakteristisches Beispiel für
kirchliches Fehlverhalten ist die meines
Erachtens außerordentlich peinliche Bildserie
des der Hizb Allah zugehörigen Islamischen
Zentrums Münster.
Es zeigt im Internet geradezu genüsslich
Fotos vom dem Besuch eines Pfarrers im
Zentrum, die man dazu noch per Mausklick
vergrößern kann.
Diese kleine Serie endet mit einer tiefen
Verbeugung des Pfarrers vor dem aufrecht
stehenden Imam. Aus dem Begleittext
erfährt man, dass der Pfarrer beglückt das
Geschenk eines schon immer ersehnten
Libanonaufenthalts annimmt.
Die hier angeführten Beispiele sind
keine Einzelfälle.
Da ist der kirchliche Islambeauftragte,
der einen Muslim, der eine Zweitehe einging,
mit dem Argument verteidigt, er arbeite
schließlich sehr gut, aber oft alleine
mit seiner Zweitfrau zusammen in
einem Büro; nach seinen eigenen religiösen
Normen müsse er deshalb auch noch
diese Frau heiraten.
Ein anderer Islambeauftragter verschickte
dreigefaltete Neujahrsgrüße; aufgedruckt
ist ein Gemälde mit dem Titel „Triptychon“;
auf dem einen Altarflügel sind eine
Moscheekuppel mit Minarett, ein
aufgeschlagener Koran und darüber groß
das Wort „Allah“ in arabischer Schrift
gemalt, wobei „Allah“auch den
arabischsprechenden Christen „Gott“
bedeutet; das Pendant dazu auf der
anderen Seite enthält christliche Symbole.
Auf dem Evangelischen Kirchentag in
Stuttgart im Jahr 1999 war unter den
vorgeschlagenen Moscheebesuchen eine
Milli Görüs Moschee;
in Frankfurt saß Amir Zaidan auf dem
Podium des Evangelischen Kirchentags 2001
ausgerechnet zum Thema „Menschenrechte
in säkularer Gesellschaft“.

Am Palmsonntag 2002 predigte die
schiitische Theologin Halima Krausen in
der Hamburger Katharinenkirche; von der
Kanzel der Hamburger Christuskirche
erschallte mehrfach der Gebetsruf.
In der Münchner Lukaskirche durfte
der Muslimbruder Dr. Ahmad al-Khalifa
erklären,Deutschland müsse ein
islamischer Staat werden.
In Esslingen referierte eine Pfarrerin mit
einer Landkarte im Rücken, die das
Osmanische Reich zur Zeit seiner größten
Ausdehnung zeigt und Teile Europas
einbezieht, darunter der türkischsprachige
Text, dass dies wieder zu erreichen keine
Utopie sei.
Pfarrer schlurfen - bar jeglichen Verständnisses
für Symbolik - im Talar und nicht etwa im Anzug
auf Socken durch Moscheen.
Die Liste ist beliebig zu verlängern.
Durch das Verhalten bestimmter Kirchenvertreter
von beachtlichem gesellschaftlichen Einfluß
erfahren Muslimbrüder, Milli Görüs, Hizb Allah
und eine Reihe von anderen, ebenfalls weltweit
vernetzten extremistischen Organisationen
zum Nachteil der hier friedlich lebenden integrierten
und integrierbaren Muslime eine Aufwertung,
die Christen eigentlich nicht mittragen dürften.
b) Universität
Das andere Feld islamistischer Betätigung,
auf das hier einzugehen ist, wird erst seit
dem 11. September 2001 ernsthafter
wahrgenommen. Sowohl in Europa als auch in
islamischen Ländern haben Studenten-
demonstrationen und -unruhen Revolutionen
in Gang gesetzt und Regierungen gestürzt.
Studenten hatten bei der 1848er Revolution
in Deutschland die Hände im Spiel, bei
Aufständen im Osmanischen Reich, bei
Revolten in Ägypten, Iran oder Indonesien,
Korea oder China: Viele Länder haben
Veränderungen erfahren insbesondere
durch studentischen Idealismus, die
Todesbereitschaft und den Mut -
ich denke hierzulande auch an die
Weiße Rose.
So ist es kein Wunder, dass gerade die
Universitäten zunehmend in das Visier
der Islamisten geraten.
Sie finden hier ein Feld vor, das - selbst mit
der bei Studierenden sehr verhassten
Rasterfahndung - kaum kontrollierbar ist.
Wie viele Muslime derzeit in Deutschland
studieren ist unklar. Viele von ihnen werden
wieder in ihre Heimatländer zurückkehren.
Manche Studierende sind nur für ein oder
zwei Stipendienjahre in Deutschland.
Deutsche Muslime - darunter solche, die die
deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben
sind aus datenschutzrechtlichen Gründen
nicht erfasst.
Dasselbe gilt auch für Dozenten. Da es meines
Wissens bislang keine empirischen Studien zu
den Aktivitäten von Islamisten an deutschen
Hochschulen gibt, muss ich mich im folgenden
auf vereinzelte Beobachtungen stützen, die sich
aber meiner Meinung nach zu einem erkennbaren
Muster zusammenfügen.
Es gibt zwei Gründe, warum Hochschulen für
Islamisten interessant sind: einmal als
Ausbildungsstätten für ihre Führungskader und
zum anderen zur Einflussnahme auf die
Studierenden, insbesondere auf die muslimischen
Studierenden, und gegebenenfalls zu deren
Anwerbung.
Der Run von Islamisten auf die westlichen
Universitäten zu Ausbildungszwecken ist
beachtlich.
Sie finden ohnedies unter den muslimischen
Intellektuellen besonderen Rückhalt, und längst
haben auch dem Westen feindlich gesonnene
Muslime erkannt, dass sie dort die bessere
wissenschaftliche Ausbildung erhalten, dazu
– was Deutschland betrifft -noch zum Billigtarif.
Bemerkenswert ist, dass sie -selbstverständlich
außer der christlichen Theologie - grundsätzlich
jedes Fach, sogar die ansonsten verpönte Philosophie,
studieren.
Natürlich haben sie Präferenzen wie Jura,
Islamwissenschaft, Betriebswissenschaft oder
Technik-Sparten.
Es geht ihnen dabei um die Schaffung von
Führungskadern auf allen Gebieten. Es müssen nicht
immer militante Handlungen nachzuweisen sein;
man kann auch indoktrinierend wie fachlich
qualifiziert die Basis dafür vorbereiten.
Zunächst einmal ist festzustellen, dass es
Lehrveranstaltungen, z.B. Seminare, gibt,
die gezielt von islamischen Fundamentalisten
besucht und dann teils auch dominiert werden.
Beabsichtigt ist dabei, die Seminare in
ihrem Sinne zu steuern und ihr eigenes
Islam-Verständnis, das meist
fundamentalistischer Prägung ist,
durchzudrücken.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass
diese Vorgehensweise gesteuert ist,
von wem auch immer.
Manches ist einfach auch eine Sache des
Prestiges. Wenn die Milli Görüs zuzuordnende
„Gesellschaft Muslimischer Sozial- und
Geisteswissenschaftler“ (GMSG) in der
Gesamthochschule Kassel tagen kann, wo sie am
26./27. Januar 2002 ihre Jahrestagung durchgeführt
hat, so wird einfach ein solches Faktum schon zum
Prestigegewinn.
Auch der Islamrat hat - um nur noch ihn anzuführen -
universitäre Ambitionen.
Unter den Gruppierungen, die in den
Universitäten aktiv sind, finden sich die
türkischen Nurcus, Süleymancqs und
Fethullahqs, Milli-Görüs-Anhänger,
Muslimbrüder mitsamt den Anhängern
der Hamas, die in Deutschland von
Muslimbrüdern gegründet worden
und als „Islamischer Bund Palästina“ tätig
ist, oder die Hizb ut-Tahrir
(„Befreiungspartei“), um nur einige zu nennen.
Manche haben sich in studentischen Vereinigungen
zusammengetan. Es gibt auch die erste „islamische
Hochschulzeitschrift Dunya“, die anfangs unabhängig
arbeiten wollte, aber inzwischen in die Hände von Milli
Görüs geraten sein soll.
Eine der aktivsten Islamisten-Organisationen
ist die Hizb ut-Tahrir. Sie wird etwa seit 1997
von Österreich ausgehend - hier in Deutschland
aufgebaut. Ihr europäisches Hauptquartier ist in
London, einer Stadt, in der die Fäden vieler
Organisationen zusammenführen.
Die Hizb ut-Tahrir bildet insbesondere an unseren
Hochschulen Kleinsteinheiten von 2-5 Personen.
Die Arabistin und stellvertretende Chefredakteurin
Claudia Dantschke hat in ihrem tapferen Berliner
Zwei-Mann-Sender AYPA-TV den Sprecher der
libanesischen Hizb ut-Tahrir, Shaker Assem, am 31.Mai
2002 in der TU Berlin interviewt nach einer Veranstaltung
unter dem Titel "Blutiges Palästina, das heilige Land
unter Aggression". Diese Veranstaltung hatte die an der
Technischen Universität Berlin eingetragene
Hochschulgruppe Aqida (Glaubenslehre) organisiert,
die als Zelle der Hizb ut-Tahrir an der TU angesehen
werden kann.
An ihr nahmen etwa 100 Muslime und
40 Musliminnen teil. Das hervorragend geführte Interview
räumt mit den Gerüchten auf, diese in fast allen islamischen
ändern verbotene Organisation sei nicht militant.
Es lässt keinen Zweifel daran, dass politische Ziele -
nämlich die Wiedereinführung des Kalifats für
die gesamte muslimische Glaubensgemeinschaft
genauso angestrebt werden wie die Vernichtung
der Juden, wobei sich Shaker Assem auf
Sure 2 Vers 191 berief:
„Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und
vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben“.
Der Bezug auf Palästina ist eindeutig. Die Schuld an der
Ermordung jüdischer Kinder schob er deren Eltern zu,
weil sie für die Situation in Palästina verantwortlich seien.
Die deutschsprachige Zeitschrift „Explizit“ der Hizb
ut-Tahrir ist genauso anti-christlich wie anti-westlich und
anti-säkular, mit ihren Hasstiraden für westliche Leser
kaum genießbar und dennoch offenbar faszinierend
für einen Teil doch vorgeblich intelligenter Studierender,
die die Hauptansprechpartner dieser schwer fassbaren
Organisation sind.
Im Internet finden sich übrigens viele Informationen
der Hizb ut-Tahrir selbst.
Eine literarische Grossoffensive hat Adnan Oktar
unter dem Pseudonym Harun Yahya gestartet;
seine Zuordnung zu einer bestimmten Gruppierung
ist mir nicht möglich. Er ist in allen einschlägigen Links,
auch in denen islamischer Studentenvereine,
zu finden. Seine attraktiv aufgemachten Bücher zu einem
dem Koran buchstabengetreu verpflichteten Islam
verschickte der Holocaustleugner im Viererpack an
Kultusministerien und Professoren und vermutlich
auch an weitere Kreise.
Seine Bücher liegen z.B. in Fachschaften verschiedener
Fachbereiche an der Marburger Universität aus.
Wie sie dort hingekommen sind, weiß niemand.
Woher die Unsummen für diesen und vergleichbaren
Aufwand kommen, ist auch nicht bekannt.
In Marburg befindet sich auch der Verlag
des „Muslim Studenten Vereins (MSV)“,dem
Ibrahim Farouk El-Zayat vorsteht, ein vielseitiger
und mächtiger Mann, der gleichzeitig die EMUG
(„Europäische Moscheebau und -unterstützungs
Gesellschaft“e.V.), die Vermögensverwaltung
von Milli Görüs, leitet, sich in der „Islamic Relief-
Humanitäre Organisation in Deutschland“
als Gründungs- und Vorstandsmitglied
engagiert sowie in der „World Assembly of
Muslim Youth“ (WAMY) mit Hauptsitz im
saudiarabischen Riad.
Ferner ist er seit Februar 2002 Präsident der
„Islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD),
die den Muslimbrüdern zugeordnet wird.
Den Vorsitz bei der vorhin erwähnten
„Gesellschaft Muslimischer Sozial- und
Geisteswissenschaftler“ (GMSG) hat er
abgetreten, blieb aber Vorstandsmitglied.
Nach wie vor ist er Leiter der Abteilung
„Youth & Student“ der FIOE, „Federation
of Islamic Organisation in Europe“, eines
Dachverbandes mit Sitz in London, in dem
sich auch andere bedeutende Muslimbrüder
wiederfinden.
Er ist tätig als Geschäftsführer der
„SLM Liegenschaftsmanagment-Gesellschaft für
Finanzvermittlung und Consulting m.b.H..
Ibrahim El-Zayat hat Einfluß sowohl über MSV und
IGD im Zentralrat als auch über die EMUG und
GMSG im Islamrat; dazu kommen die
verwandtschaftlichen Aktivitäten und Bindungen
zwischen dem El-Zayat- und dem Erbakan-Clan.
Der scheinbare Widerspruch von Zusammenarbeit
zwischen Islamrat/Milli Görüs und Zentralrat macht
Sinn, wenn man von nationalen Interessen abrückt
und gemeinsam eine neue Identität als europäische
Umma aufbauen will, die selbstverständlich in
dem internationalen Geflecht des Islamismus
ihren Platz einnehmen soll.
Zurück nach Marburg: Auch wenn
Zusammenhänge mit den verfassungsschutzrelevanten
Muslimbrüdern grundsätzlich und von allen Betroffenen
geleugnet werden, so muss man die Marburger Moschee
dennoch den ägyptischem Muslimbrüdern und dem
Islamischen Zentrum München zuordnen.
Zudem wurde im Mai 2001 die Islamische Schule
Marburg gegründet, eine Art bessere Koran-
Schule, die personell unabhängig ist, aber doch
engstens mit der Moschee zusammenhängt.
In demselben Gebäude, in dem auch die
Gebetsstätte untergebracht ist, werden die
Bücher bedeutender Muslimbrüder verlegt
wie die von Said Ramadan, dem
Schwiegersohn des Begründers der Muslimbrüder
Hasan al-Banna, mit seiner Dissertation über die
Scharia und von dem Enkel von Hasan al-Banna,
Professor Tariq Ramadan.
Dessen 2001 in deutscher Sprache erschienenes
Werk „Muslimsein in Europa“ haben zumindest
etliche Religions- und Islamwissenschaftler
zugeschickt bekommen. Dieses Buch, das
offensichtlich selbst kluge Köpfe betört, zeigt
wenig Bewegung in Richtung „Europäischer
Islam“ und ist - genau betrachtet - das Werk eines
Hardliners, der allerdings ganz eindeutig eines
ideologisch will: eine Europa überspannende,
Europa-verträgliche, aber nicht angepasste
Umma mit Scharia.

Seine Definition eines gestatteten „gerechten Kriegs“
in diesem Buch ist bemerkenswert. Für zumindest zwei
muslimische Lehrbeauftragte an Universitäten zählt der
Muslimbruder Dr. Yusuf al-Qaradawi zu den
bedeutendsten „Reformern“ der Gegenwart.
Wie mir glaubhaft versichert wurde, hat Qaradawi
in Doha in Qatar anlässlich einer Vortragsdiskussion
auf die Frage, was er von Selbstmordattentäterinnen
halte, geantwortet, diese Frauen seien Heldinnen und
Märtyrerinnen. Das deckt sich auch mit seiner
Zustimmung zu dem Einsatz lebender Bomben
in Palästina.
Auch die Muslimbrüder arbeiten am effektivsten in
kleinen Zellen, allerdings auch in Vereinigungen.
Unter anderem sollen ihnen - ich kann dies nur als
Information aus zweiter Hand weitergeben, die aber
aus üblicherweise verlässlicher Quelle stammt -
die „Islamische Gemeinschaft an der TU Darmstadt“
und die „Islamische Gemeinschaft“ an der
Universität Frankfurt a. M. zuzurechnen sein.
Zu den islamistischen Vereinigungen, die im Internet
zu finden sind, gehört auch der Islamische
Studentenbund Essen.
Die Links führen zu Harun Yahya und zu
www.IslamZine.com und schließlich darüber zum
„Protokoll der Weisen von Zion“, einer der
schlimmsten anti-jüdischen Schriften.
Der Islamische Studentenbund Essen ist dem
Islamischen Zentrum Aachen und damit mit
den Muslimbrüdern verbunden.
Das Islamische Zentrum Aachen ist Mitglied im
Zentralrat. Auch der Islamische Studentenverein
Erlangen-Nürnberg hat eine Homepage im Internet,
die zu dem 2002 verbotenen al-Aqsa e.V. führt.
Viele der bekannten Namen von Muslimbrüdern
finden sich in der Dachorganisation FIOE wieder.
Die internationalen Vernetzungen führen - oft über
Großbritannien -dann in die verschiedenen
islamischen Länder und zu entsprechenden
internationalen Organisationen.
An einer Zusammenarbeit mit Universitäten
zeigen Islamisten immer wieder Interesse.
Ein Sonderfall und Problem-Kandidat, der den
Studierenden seit Jahren und auch wieder
im Wintersemester 2002/2003 als
Lehrbeauftragter im Fachbereich Evangelische
Theologie an der Universität Frankfurt den
heftigsten Islam vermitteln darf, ist der syrische
Muslimbruder Amir Zaidan, der in islamisch
geschlossener Zweitehe mit einer Deutschstämmigen
verheiratet ist.
Als ehemaliger Vorsitzender der Islamischen
Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) hat er
Aufsehen erregt durch die von ihm unterzeichnete
sogenannte Kamel-Fatwa, die Mädchen und Frauen
nur 81 km-Reisen ohne Begleitung eines männlichen,
nahen Verwandten gestattet,weil die Frauen -
wie er auf dem Evangelischen Kirchentag
2001 erklärte - bei allem, was an Kilometern darüber
hinaus geht, in Deutschland die Gefahr laufen,
vergewaltigt zu werden.
Seine Islamologischen Institute in Frankfurt,
Berlin, München und Köln bilden in diesem Sinne
künftige islamische Religionslehrer und Theologen
auch in Fragen der Scharia aus, wobei man sich f
ragen muss, welchem Ziel dies in Deutschland
dienen soll.
Zaidans Buch „Al-`Aqida“ist mitsamt seinen
antichristlichen Inhalten ein Verkaufsschlager
und wird ebenso vom Zentralrat wie von Milli
Görüs und von Islamischen Studentenvereinen
angepriesen.
Die Muslimbrüder sind derzeit die geistigen
Wegbereiter eines angeblichen Europa-Islam,
de facto jedoch eines Islam, der zwar versucht,
die Gegenwart mit dem Koran und der Sunna in
Einklang zu bringen, keineswegs aber Demokratie
und säkulare Staatsform akzeptiert, sondern
allenfalls deren Strukturen temporär ausnutzt.
Islamistischer Aktivismus fängt im Kopf an,
und es wäre sträflicher Leichtsinn, wollte
man die geistigen Urheber einer Ideologie,
auf deren Boden militanter Extremismus
wachsen kann, sowie diejenigen, die ihnen
folgen, nicht in den Blick nehmen.
Abschließend ist zu sagen, dass die Blauäugigkeit
und die Ahnungslosigkeit, die Prestigesucht
und die typisch deutsche Eigenschaft,
nicht das rechte Maß zu finden,bei einer Reihe
von Kirchenfunktionären bis in einen Teil
der Führungsspitzen hinein zur Selbstpreisgabe
führen; damit sind selbstverständlich nicht jene
gemeint, die realistisch und ohne Anbiederung
mit Muslimen umgehen.
Zudem wollte ich darauf aufmerksam machen,
dass der universitäre Bereich besonders anfällig ist für
Extremismus.
Die Stimmung unter den hiesigen muslimischen
Studierenden ist seit den Anschlägen vom
11.September 2001 aufgrund ihrer oft sehr
negativen Erfahrungen mit einer misstrauisch
gewordenen Bevölkerung und seit der
Rasterfahndung deutlich gereizter geworden,
wenn nicht gar gegen Deutschland
umgeschlagen, wobei ich nicht
beurteilen kann, ob dies nur eine
vorübergehende Störung ist.
Bei aller Aufmerksamkeit gegenüber
islamistischen Einflüssen wäre es jedoch verfehlt nun
zu glauben, dass unsere Universitäten Horte
extremistischen Treibens seien; man würde den
allermeisten muslimischen Studierenden, die immun
sind gegen derartige Beeinflussungen, bitteres Unrecht
tun, sind es doch insbesondere sie, auf die wir unsere
gemeinsame Zukunft aufbauen wollen und auch
können.
Über die Autorin
Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann,
geb. 1939, Regierungsdirektorin a.D., lehrt
an der Phillips-Universität Marburg am
Fachbereich Evangelische Theologie
Religionsgeschichte mit dem
Schwerpunkt Islam.
Sie ist eingebunden in diverse
Forschungsprojekte. Ferner ist sie Mitglied
der Ökumenischen Kammer der
Landeskirche Kurhessen-Waldeck.
Publikationen: Das türkische Drama
der Gegenwart. Eine literaturhistorische
Studie. Leiden 1968; Muslime in Deutschland.
Freiburg, 3. aktualisierte Neuauflage 2002.
Darüber hinaus rund 30 Fachpublikationen,
insbesondere zum Islam in der Gegenwart.
http://www.verfassungsschutz.thueringen.de/infomaterial/symposien/2002/Spuler-Stegemann.pdf

Dieser Artikel wurde im Jahr 2002 verfasst. Jetzt schreiben wir das Jahr 2009. Als Resüme
darf man sagen, dass sich die oben klar erwähnten Schritte der Mächtigen des Islam als durchaus vollzogen betrachten lassen. Schritt für Schritt steuern sie ihr Ziel an, die Islamisierung Europas, ohne das bisher auch nur ein einziger Politiker gesagt hätte, bis hierher und nicht weiter.
Inwieweit das allgemeine Leben in Deutschland vom Islam durchdrungen ist, kann jeder mittels einer Suchmaschine im Internet (nur Deutschland) feststellen.
Unter "Mohammed" gibt es im deutschen Netz 194 000 Einträge.
Zu Jesus gerade einmal 185tausend.
Unter "Islam" sind es 173 000 Einträge.
Unter "Islam" zusammen mit "Kriminalität" existieren 59 000 Einträge.
Unter "Koran" sind es 136 000 Einträge.
"Scharia" bringt es auf 31 000 Einträge und "DITIB" auf 21 000 Einträge.
"Milli Görüs" bringt es auf 76 500 Einträge.
Das Wort "Moschee" hat 198 000 Einträge,
"Kirche" gerade mal 179 000 Einträge.
"Moscheebau" bringt 8 910 Einträge,
und "Moscheebau ", zusammen mit "Morddrohung " 4 370 Einträge.
Das sind nur wenige Beispiele. Jeder kann einen Versuch starten, um feststellen, wie sehr das deutsche Netz mit islamischen Begriffen überfrachtet ist. Jeder mag sich vorstellen, wohin diese Omnipotenz Bestrebung des Islam in wenigen Jahren führen wird.

Hier noch ein schönes Beispiel für die Unterwürfigkeit der Kirchenvertreter
unter den Islam:

Projekt
Islam und Christentum
Muslimisches Leben am
Hochrhein
Termin: Freitag, 23.1.2009
Kosten: € 7,-- (fürs Abendessen)
Ort: Evangelisches Gemeindehaus “Wartburg”
Rathausstr. 20, 79400 Wollbach
Moschee Rheinfelden
Ziel: Kennenlernen des Islam als immer
wichtiger werdender Religion in der Regio.
Kennenlernen der muslimischen Gottesdienstform,
Begegnung mit Mitgliedern der
islamischen Gemeinde Rheinfelden
Mitarbeiter:
Pfarrer Werner Ross, Vorstandsvorsitzender des
Christlich-Islamischen Vereins Hochrhein,
Pfarrer Axel Huettner, Wollbach
Ablauf:
Wir treffen uns am Freitag, 23. Januar 2009
um 14.30 Uhr zu einer Einführung in unser
Thema im Evangelischen Gemeindehaus
"Wartburg" in Wollbach. Danach fahren wir zum
Abendgottesdienst in die Moschee Rheinfelden.
Anschließend findet ein Gespräch mit Pfr. Ross
und Mitgliedern der islamischen Gemeinde
Hochrhein statt. Den Abend beschließen wir mit
einem gemeinsamen Essen in einem türkischen
Restaurant in Rheinfelden. Gegen 20.00 Uhr
treffen wir wieder in Wollbach ein
Anmeldung:
Evangelisches Pfarramt Wollbach, Rathausstr.
18, 79400 Wollbach, Tel.: 07626-232, Fax:
07626-8328,e-mail:
pfarramt_wollbach@web.de

Und so verläuft das ungebremst bereits seit vielen vielen Jahren.
Beispiele dafür gibt es tausendfach im Netz.
Gleichgültig ob jemand an Gott glaubt oder nicht.
Wir werden seine Hilfe dringend benötigen.









Sonntag, 29. März 2009

Keine Satire - wer ist das wohl?




Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.


Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.


Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.


Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.


Was ihre Verdauung übrig läßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.


So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen
und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.


Erich Kästner

Freitag, 13. März 2009

Die Medien schweigen


Und hier die Anweisung der EU-Aussenkommissarin Benito Ferrero-Waldner für die Presse, sich selbst einen Maulkorb zu verpassen.


http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=SPEECH/06/321&format=HTML&aged=1&language=EN&guiLanguage=en


Ko- und Selbstregulierungsorgane in den Medien
Bericht über den gemeinsamen Workshop des Moskauer Zentrums für Medienrecht und Medienpolitik und der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle in Zusammenarbeit mit der Großen Jury des russischen Journalistenverbands
Juli 2005


http://www.obs.coe.int/online_publication/expert/moscow_workshop.pdf.de

Das große Schweigen der Medien erklärt sich selbst. Man muss es nur lesen.

Es gibt nichts zu kommentieren.

Dienstag, 3. März 2009

US-Präsident Barack Obama hat nach einem Bericht der "New York Times" dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew angeboten, auf die Aufstellung der umstrittenen Raketenabwehr in Mitteleuropa zu verzichten.


Der "geheime" Brief Obamas sei Medwedew von einem hochrangigen US- Regierungsbeamten vor drei Wochen überreicht worden. Darin heiße es, die USA benötigten das Raketenabwehrsystem nicht, falls der Iran jede Anstrengungen einstelle, Nuklearsprengköpfe und ballistische Raketen zu bauen. Russland hatte sich vehement gegen die Raketenpläne gewandt, die Obamas Amtsvorgänger George W. Bush initiiert hatte.



Nach den Bush-Plänen wollen die Amerikaner in Polen zehn Abwehrraketen stationieren und in Tschechien die dazugehörige Radaranlage installieren. Der Schild soll die USA und die europäischen Verbündeten gegen mögliche Angriffe aus dem Iran schützen. Es existieren bereits ähnliche US-Einrichtungen in Alaska und Kalifornien die gegen eine mögliche Bedrohung aus Nordkorea gerichtet sind. Im August 2008 hatten sich Polen und die USA grundsätzlich auf die Errichtung eines US-Raketenschildes geeinigt.


http://nachrichten.t-online.de/c/17/89/48/30/17894830.html


Kommentar:

Liest man den Artikel "Die Welt als Schachbrett - Der neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski" http://hintergrund.de/index.php?option=com_content&task=view&id=235&Itemid=63
fragt man sich, wozu die Raketenabwehrschilde von den USA in Europa stationiert werden sollten. Sicher nicht, um Raketen aus dem Iran abzuwehren.

Der neue Präsident der Vereinigten Staaten wäre mit Sicherheit gut beraten,
auf die Aufstellung der umstrittenen Raketenabwehr in Mitteleuropa zu verzichten.

Freitag, 27. Februar 2009

Die Welt als Schachbrett - Greise und die Weltpolitik


Zbigniew Kazimierz Brzeziński (* 28. März 1928 in Warschau) ist ein polnisch-amerikanischer Politikwissenschaftler und gilt neben Henry Kissinger und Samuel P. Huntington als graue Eminenz unter den US-amerikanischen Globalstrategen. Von 1977 bis 1981 war er Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. Heute ist er Professor für Amerikanische Außenpolitik an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, Berater am „Zentrum für Strategische und Internationale Studien“ (CSIS) in Washington D.C. und Verfasser von politischen Sachbüchern. Daneben betätigt er sich als Berater für mehrere große amerikanische und internationale Unternehmen. Derzeit ist er auch als außenpolitischer Berater des US-Präsidenten Barack Obama tätig. (Quelle: Wikipedia)

http://hintergrund.de/index.php?option=com_content&task=view&id=235&Itemid=63
Die Welt als Schachbrett - Der neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski
(Ungekürzte Fassung) Von HAUKE RITZ –
Ausblicke auf eine Präsidentschaft Obamas:
Die politischen Zyklen der westlichen Welt sind eng verknüpft mit den Amtszeiten amerikanischer Präsidenten. Mit jedem neuen US-Präsidenten verändert die Welt ein wenig ihren Charakter. So war die Präsidentschaft Clintons mit einer optimistisch nach außen vertretenen Globalisierung verbunden. Was im Heimatland des Imperiums eine riesige Finanzblase erzeugte, führte allerdings von Südostasien, Russland und Ländern Lateinamerikas zu einer ganzen Reihe tragischer Wirtschaftskrisen. Die Amtszeit Bushs war eng verknüpft mit dem „War on Terror“. Der selbst ernannte Kriegspräsident gewöhnte die Welt an die Wiedereinführung von Folter und geheimen Gefängnissen. Nach acht Jahren Regierungszeit ist das Ansehen der USA stark beschädigt und beschränkt zunehmend auch den Bewegungsspielraum amerikanischer Außenpolitik.
Nun bereiten sich die Vereinigten Staaten erneut auf einen Regierungswechsel vor. Man fragt sich, welcher Flügel der Elite nun an die Macht kommen wird und womit die Welt als nächstes zu rechnen hat. Vieles deutet darauf hin, dass Barack Obama zurzeit die besten Aussichten hat, der kommende amerikanische Präsident zu werden. Obama wird von dem Multimilliardär George Soros und dem ehemaligen Sicherheitsberater unter Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, unterstützt. Brzezinski ist zugleich der führende außenpolitische Berater Obamas. Als graue Eminenz unter den amerikanischen Geostrategen verkörpert er die Sichtweisen und Interessen eines ganzen Flügels der amerikanischen Elite. Aufgrund seines intellektuellen Ranges muss sein Einfluss als sehr hoch veranschlagt werden. Unter einer Präsidentschaft Obamas werden höchstwahrscheinlich die geopolitischen Vorstellungen dieser "Brzezinski-Fraktion" zum Tragen kommen. Hinzu kommt noch, dass Zbigniew Brzezinskis Tochter, die Fernsehmoderatorin Mika Brzezinski, Obama unterstützt, während ihr Bruder Mark Brzezinski ebenfalls zu den Beratern Obamas gehört.
Zbigniew Brzezinski gilt heute neben Henry Kissinger als einer der führenden Strategen amerikanischer Außenpolitik im 20. Jahrhundert. Als sein Hauptwerk ist das 1997 veröffentlichte Buch „The Grand Chessboard“ anzusehen, das einen tiefen Einblick in die langfristigen Interessen amerikanischer Machtpolitik gewährt. „The Grand Chessboard“ ist heute noch aktuell, weil es einen analytischen Abriss der geopolitischen Zielsetzungen der USA für einen Zeitraum von dreißig Jahren enthält. In seinem jüngsten Buch „Second Chance“ aus dem Sommer 2007 unterzieht er die Regierungen Bush I, Clinton und Bush II einer tief greifenden Kritik. Der Vorwurf lautet, sie hätten die Chance, nach dem Zusammenbruch der UdSSR ein System dauerhafter amerikanischer Vorherrschaft zu errichten, unzureichend genutzt. Brzezinski sieht jedoch eine „Zweite Chance“. Diese besteht darin, die unilaterale Politik einzuschränken und verstärkt auf Kooperationen und Absprachen mit Europa und China zu setzen. Auch mit Syrien, Iran und Venezuela sollen Verhandlungen aufgenommen werden. Zugleich soll jedoch Russland isoliert und möglicherweise auch destabilisiert werden.
Die wesentliche Differenz zwischen Brzezinski und den Neokonservativen besteht im Verhältnis zum Islam und zu Israel. Brzezinski setzt sich für eine konstruktive Lösung des Israel-/Palästinenser-Konfliktes ein. Denn als klassischem Geopolitiker sind ihm, anders als Bush junior, religiöse Motive fremd. In jüngster Zeit trat er zudem als Kritiker einer Politik auf, die sich auf einen Kampf der Kulturen gründet. Er befürchtet, dass der Kulturkampf zwischen dem Westen und dem Islam langfristig die amerikanischen Interessen im Nahen Osten beschädigen könnte. Nachdenklich stimmt Brzezinskis Kommentar zu Samuel Huntingtons Vorhersage eines Kampfes der Kulturen: "Huntington’s case appeared to be a provocative Prophecy that ought not be allowed to become self-fullfilling.”[1] („Der Fall Huntington wirkte wie eine provokative Prophezeiung, der man es besser nicht gestatten sollte, zu einer selbsterfüllenden zu werden.“) Doch diese Differenzen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass sich Brzezinski hinsichtlich des Ziels US-amerikanischer Vorherrschaft mit den Neokonservativen einig ist. Glaubten Letztere dieses Ziel durch die direkte militärische Kontrolle der Ölvorräte des Nahen Ostens zu erreichen, so könnte sich unter einer von Brzezinski beeinflussten Präsidentschaft Obamas der Schwerpunkt amerikanischer Außenpolitik auf die aufsteigenden Rivalen Russland und China verlagern. Eine von Brzezinskis beeinflusste US-Außenpolitik hätte zum vorrangigen Ziel, eine weitere Vertiefung der Bündnisbeziehungen zwischen beiden Staaten, wie sie sich in der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) vorbereiten, zu verhindern. Ziel wäre es, China durch spezielle Angebote aus dem Bündnis zu lösen und Russland zu isolieren. Als Sohn eines polnischen Diplomaten lebte Zbigniew Brzezinski im Alter von 8 bis 10 Jahren während des Höhepunkts der stalinistischen Säuberungen in der Ukraine. Möglicherweise ist dies der Grund, warum Brzezinskis Denken auf verhängnisvolle Weise auf Russland fixiert ist. Wie im folgenden zu zeigen sein wird, gibt es begründeten Anlass zu der These, dass sich unter einer Präsidentschaft Obamas die bereits eingeleitete Entwicklung hin zu einem neuen Kalten Krieg weiter verschärfen wird.
Brzezinskis Strategie amerikanischer Vorherrschaft
Dies wird besonders deutlich, wenn man die beiden zentralen Prämissen berücksichtigt, die Brzezinski seinem Hauptwerk „The Grand Chessboard“ – aber auch all seinen anderen Schriften – zu Grunde legt. In deutscher Übersetzung heißt das Buch: „Die einzige Weltmacht“. Dieser Titel bezeichnet den ersten Grundsatz, nämlich den erklärten Willen der USA, vorerst die „einzige“ und – wie Brzezinski es nennt – sogar „letzte“[2] Weltmacht zu bleiben. Noch entscheidender ist jedoch die zweite Prämisse. Ihr zufolge ist Eurasien „das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird.“[3]
Diesem zweiten Grundsatz liegt die Einschätzung zu Grunde, dass eine Macht, die in Eurasien die Vorherrschaft gewinnt, damit auch die Vorherrschaft über die gesamte übrige Welt gewonnen hätte. „Dieses riesige, merkwürdig geformte eurasische Schachbrett - das sich von Lissabon bis Wladiwostok erstreckt - ist der Schauplatz des global play.“[4] "[…] wobei eine Dominanz auf dem gesamten eurasischen Kontinent noch heute die Voraussetzung für globale Vormachtstellung ist."[5] Und zwar einfach deshalb, weil Eurasien der mit Abstand größte Kontinent ist, auf dem 75 Prozent der Weltbevölkerung leben und der dreiviertel der weltweit bekannten Energievorkommen beherbergt. Brzezinski folgert deshalb: „Eine Macht, die Eurasien beherrscht, würde über zwei der drei höchst entwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Welt gebieten.“ Außerdem sind „Amerikas potentielle Herausforderer auf politischem und/oder wirtschaftlichem Gebiet […] ausnahmslos eurasische Staaten.“4
Brzezinski kommt deshalb zu dem Schluss, dass das erste Ziel amerikanischer Außenpolitik darin bestehen muss, „dass kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlangt, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen.“[6] Es gelte, „die Gefahr eines plötzlichen Aufstiegs einer neuen Macht erfolgreich (hinauszuschieben).“ Die USA verfolgen das Ziel, „die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren ...". Sie müssen „das Emporkommen eines Rivalen um die Macht (…) vereiteln.“[7]
Diese Äußerungen klingen zehn Jahre später durch ihr überzogenes Selbstbewusstsein außerordentlich fragwürdig. In seinem jüngsten Buch sieht Brzezinski jedoch eine „zweite Chance“, das Bemühen um eine dauerhafte amerikanische Vorherrschaft umzusetzen. Dies wird besonders deutlich an der Rolle, die Brzezinski damals wie heute Europa zuspricht. Ein transatlantisch orientiertes Europa hat für die USA die Funktion eines Brückenkopfes auf dem eurasischen Kontinent.[8] Gemäß dieser Logik würde eine EU-Erweiterung nach Osten zwangsläufig auch eine Osterweiterung der NATO nach sich ziehen. Diese wiederum – so die Idee – soll den amerikanischen Einfluss weit nach Zentralasien ausdehnen und einen Machtvorsprung gegenüber Konkurrenten sichern. „Amerikas zentrales geostrategisches Ziel in Europa lässt sich also ganz einfach zusammenfassen: durch eine glaubwürdigere transatlantische Partnerschaft muss der Brückenkopf der USA auf dem eurasischen Kontinent so gefestigt werden, dass ein wachsendes Europa ein brauchbares Sprungbrett werden kann, von dem aus sich eine internationale Ordnung der Demokratie und Zusammenarbeit nach Eurasien hinein ausbreiten lässt.“[9]
Brzezinski war sich jedoch bereits 1997 bewusst, dass auch bei erfolgreicher Durchführung dieses Plans Amerikas Weltmachtposition nur von kurzer Dauer sein kann. Warnend schreibt er an anderer Stelle: „Amerika als die führende Weltmacht hat nur eine kurze historische Chance. Der relative Frieden, der derzeit auf der Welt herrscht, könnte kurzlebig sein.“[10] Brzezinski definiert deshalb als langfristiges Ziel dieses Machterhalts die Fähigkeit, „ein dauerhaftes Rahmenwerk globaler geopolitischer Zusammenarbeit zu schmieden.“[11] Er spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „transeurasischen Sicherheitssystem (TSEE)“[12], das über die Grenzen einer nach Zentralasien erweiterten NATO hinaus Kooperationen mit Russland, China und Japan beinhalten würde.
Doch was ist mit einem transeurasischen Sicherheitssystem konkret gemeint? Haben sich andere Staatsmänner hierzu jemals geäußert? In der Tat fällt ein interessantes Licht auf Brzezinskis Ziele, wenn man sie mit Äußerungen konfrontiert, die der russische Präsident Wladimir Putin in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 10.2.2007 gemacht hat. Putin warnte in seiner Rede vor der von den USA nach dem Kalten Krieg favorisierten Geopolitik, die seiner Ansicht nach eine „unipolare Welt“ anstrebe.
„In wie freundlichen Farben auch immer man [eine solche unipolare Welt] ausmalen mag, letztlich beziehe sich der Terminus auf eine bestimmte Situation, in der es ein Zentrum der Staatsgewalt, ein Machtzentrum und ein Entscheidungszentrum gibt. Das ist eine Welt, in der es einen Herrn gibt, einen Souverän.“ „Was gegenwärtig in der Welt geschieht, ist eine Folge der Versuche, genau dieses Konzept, das Konzept einer unipolaren Welt, in die internationalen Beziehungen zu tragen. (…) Gegenwärtig erleben wir eine fast unbeschränkte, übermäßige Anwendung von Gewalt – militärischer Gewalt – in den internationalen Beziehungen, einer Gewalt, die die Welt in einen Abgrund permanenter Konflikte stürzt. Im Ergebnis haben wir nicht genügend Kraft, auch nur einen dieser Konflikte wirklich umfassend zu lösen. Politische Lösungen zu finden, wird gleichfalls unmöglich. (…) Ein Staat – und dabei spreche ich natürlich zunächst und vor allem von den Vereinigten Staaten – hat seine nationalen Grenzen in jeder Hinsicht überschritten.“[13]
Versucht man also auf Basis von Brzezinskis Darlegung der langfristigen Strategien amerikanischer Außenpolitik zu einem Verständnis von Putins Warnung vor einer „unipolaren Welt“ zu kommen, so ergibt sich folgende Lesart: Die USA streben an, ihren Einfluss auf dem asiatischen Kontinent immer weiter auszudehnen. Dabei dient ihnen Europa als Sprungbrett auf den eurasischen Kontinent. Da jede Osterweiterung Europas unter den gegebenen Umständen zugleich auch den amerikanischen Einfluss ausdehnt, sollen durch eine Kombination aus EU-Osterweiterung und Expansion der NATO viele der ehemaligen Sowjetrepubliken – wie zum Beispiel Georgien, Aserbaidschan und Usbekistan – in die westliche Einflusszone integriert werden. Maßgeblich für diese Integration ist, dass sich ein Land für ausländisches Kapital öffnet und an das westliche Rechtsverständnis anpasst. Geschieht dies, dann ist es westlichen Konzernen möglich, sich die Rohstoffvorkommen zu sichern und über die Medien Einfluss auf die Öffentlichkeit eines Landes zu gewinnen. Da die Region um das Kaspische Meer über die zweitgrößten Öl- und Gasreserven verfügt und zudem militärstrategisch von besonderer Bedeutung ist, könnte eine westliche Vormachtstellung in dieser Region die Position der USA auf dem eurasischen Kontinent massiv stärken. Zusammen mit der Kontrolle der US-verbündeten OPEC-Staaten Kuwait, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar und den eroberten Staaten Irak und Afghanistan könnte so eine Vorherrschaft der USA über Zentralasien ihnen die nötige Autorität verleihen, um von dort schließlich ganz Eurasien, einschließlich Chinas und Russlands, in eine von den USA entworfene überstaatliche Sicherheitsstruktur zu integrieren. Die von Europa ausgehende NATO-Osterweiterung und die von der Bush-Administration im Süden Eurasiens (Irak, Afghanistan) begonnenen militärischen Interventionen bilden zusammen gewissermaßen einen Keil, mit dem die USA in das Herz der eurasischen Landmasse vorstoßen.
Gelänge es den USA, dieses Ziel zunächst in Eurasien zu erreichen, so wäre die so hergestellte Ordnung aufgrund der Größe und Bedeutung des eurasischen Kontinents paradigmatisch für die gesamte übrige Welt. Lateinamerika, Afrika, Australien und alle Inselstaaten wären gezwungen, sich einer solchen Ordnung anzuschließen. Die USA wären dann nicht nur die „einzige“, sondern – wie Brzezinski es formuliert – auch die „letzte echte Supermacht“[14]. Denn innerhalb der dann allmählich hergestellten globalen staatlichen Integration würde staatliche Souveränität weitgehend ihren Sinn verlieren und Geopolitik an sich an ihr Ende gelangen. Nationalstaaten würden – wie langfristig auch in der EU – zunehmend die Rolle von Bundesstaaten annehmen. Zugleich wäre der Planer und Hegemon eines solchen eurasischen Zusammenschlusses in der Lage, eine solche Ordnung so zu gestalten, dass er sie weiterhin latent dominiert, vergleichbar etwa der privilegierten Machtposition, die das Tandem Frankreich-Deutschland innerhalb der EU einnimmt. Es würde sich in der Tat um eine unipolare Welt handeln, wenn auch – dies muss hinzugefügt werden – die dann ausgebildete Machtstruktur ähnlich schwer identifizierbar und fassbar geworden sein dürfte wie heute schon in der EU. In Brzezinskis eigenen Worten klingt dies wie folgt:
„Schließlich könnte ein solches Europa sogar ein Eckpfeiler einer unter amerikanischer Schirmherrschaft stehenden größeren eurasischen Sicherheits- und Kooperationsstruktur werden.“[15]
„Käme das TESS (Transeurasisches Sicherheitssystem) also eines Tages zu Stande, wäre Amerika nach und nach einiger seiner Lasten ledig, auch wenn es weiterhin als stabilisierende Kraft und als Schiedsrichter in eurasischen Belangen eine maßgebliche Rolle spielen würde.“[16] Ein „von multinationalen Korporationen, Organisationen (…) geknüpftes Netz schafft bereits ein informelles Weltsystem, (…). Im Laufe der nächsten Jahrzehnte könnte somit eine funktionierende Struktur weltweiter Zusammenarbeit, die auf dem geopolitischen Gegebenheiten gründet, entstehen und allmählich die Insignien des derzeitigen Herrschers der Welt annehmen (nämlich der U.S.A.) (Anm. H.R.),(…). Ein geostrategischer Erfolg dieser Zielsetzung wäre dann die durchaus angemessene Erbschaft, die Amerika als erste, einzige und letzte echte Supermacht der Nachwelt hinterlassen würde.“[17]
Der verdrängte Gewaltindex unilateraler Politik
Die USA haben – seit Brzezinski diese Ziele formulierte – einen starken Verlust geopolitischer Macht erfahren. In seinem jüngsten Buch „Second Chance“ gibt Brzezinski offen zu, dass der Plan einer direkten militärischen Besetzung einiger Länder des Nahen Ostens, wie sie den Neokonservativen vorschwebte, gescheitert ist. Doch diese Niederlage ist für Brzezinski nicht so massiv, dass er die 1997 formulierten Pläne einer amerikanischen Vorherrschaft in Eurasien grundsätzlich aufgeben möchte. Das Scheitern der direkten militärischen Machtausdehnung im Süden Eurasiens bedeutet für ihn lediglich, dass nun die von Europa ausgehende Osterweiterung der NATO an Priorität gewinnt. Dies bedeutet jedoch einen massiven Vorstoß in die russische Einflusssphäre. Damit würde nach dem Iran nun Russland ins Fadenkreuz der amerikanischen Geopolitik geraten.
Die unipolare Welt, von der Putin vor einem Jahr auf der Münchner Sicherheitskonferenz sprach, ist also keine Schimäre, sondern ein reales geopolitisches Projekt der USA. Man mag einwenden, dass eine dauerhaft von den USA dominierte Welt ähnlich unspektakulär sei wie eine von Deutschland und Frankreich dominierte EU. In diesem Fall würde der von Putin benutzte Begriff einer „unipolaren Welt“ wahrscheinlich zu hoch greifen. Dem ließe sich entgegenhalten, dass zwar ein transeurasisches Sicherheitssystem auf Korporationen mehrerer Partner angewiesen sein würde, aber letztlich die USA – wie auch heute in der NATO – doch der maßgebliche Akteur und Gestalter dieses Systems wären. Dies ist schon daran ersichtlich, dass die USA im Zuge der Expansion der NATO nach Osten Tatsachen schaffen, ohne Russland und China wirklich einzubeziehen bzw. deren Sicherheitsinteressen ernst zu nehmen. Putin ließ in seiner Münchner Rede daher keinen Zweifel am imperialen Grundcharakter der so von den USA angestrebten Vormachtstellung.
„Im Ergebnis ist (eine unipolare Welt) verheerend, nicht nur für alle, die diesem System angehören, sondern auch für den Souverän selbst, weil es ihn von innen heraus selbst zerstört. Und mit Demokratie hat dies ganz gewiss nichts gemein. Denn Demokratie ist, wie sie wissen, die Herrschaft der Mehrheit unter Berücksichtigung der Interessen und Meinungen der Minderheit.“ „Ich bin der Auffassung, dass das unipolare Modell nicht nur inakzeptabel, sondern in der heutigen Welt auch unmöglich ist. Und zwar nicht nur deshalb, weil für die Führung einer einzelnen Macht in der heutigen – ausgerechnet in der heutigen – Welt weder die militärischen noch die politischen und ökonomischen Ressourcen ausreichen würden. Noch wichtiger ist, dass das Modell selbst verfehlt ist, weil ihm keine moralischen Fundamente für die moderne Zivilisation zu Grunde liegen.“ „Unilateral und häufig illegitime Aktionen haben kein einziges Problem gelöst. Vielmehr haben sie neue menschliche Tragödien verursacht und neue Spannungsherde geschaffen. Urteilen Sie selbst: die Zahl der Kriege wie auch der lokalen und regionalen Konflikte hat sich nicht vermindert. Herr Teltschik hat dies sehr behutsam angesprochen. Und in diesen Konflikten gehen nicht weniger Menschen zugrunde – es sterben sogar noch mehr als zuvor. Beträchtlich mehr! Entschieden mehr!“[18]
Was der russische Präsident anspricht, ist der in westlichen Medien weitgehend verdrängte Gewaltindex unilateraler Politik. Es liegt auf der Hand, dass das Handeln der USA in den zurückliegenden sieben Jahren wenig Wert auf internationale Absprachen und Konsensbildung gelegt hat. Das Völkerrecht wurde durch das unilaterale Handeln der USA zunehmend ausgehöhlt, während Institutionen wie die UNO geschwächt worden sind. An ihre Stelle sind die so genannten friedenserhaltenden Einsätze der USA, EU oder NATO (zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien) getreten, bei denen selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass das westliche Verteidigungsbündnis oder westliche Staaten die gesamte Weltgemeinschaft vertreten können.
Viele weitere Beispiele zeigen die Zunahme an weltweiter Gewalt als Folge des unilateralen Handelns der USA. Man denke nur an die präventive Erstschlagdoktrin der USA und ihre Anwendung im Irakkrieg. Oder man führe sich den Einsatz von Uranmunition im Irak- und Afghanistankrieg vor Augen, der – in der Presse weitgehend verschwiegen – in beiden Kriegsgebieten die Missbildungsrate bei Säuglingen vervielfacht hat.[19] Zu nennen ist zudem die in die Wege geleitete NATO-Osterweiterung bis ans Kaspische Meer, die Russland zwangsläufig beunruhigen muss. Ähnlich verhält es sich mit der Stationierung eines Raketenschildes nicht nur in Tschechien und Polen, sondern auch in weiteren an Russland angrenzenden Regionen, wie dem Nordmeer und Alaska. Schließlich ist noch die durch die USA vorangetriebene Aufrüstung im Weltraum zu nennen, von deren strategischer Logik noch zu reden sein wird. All diese Handlungen weisen einen hohen Gewaltindex auf. Sie sind einseitig beschlossen, nie kritisch im Licht der Öffentlichkeit diskutiert oder durch internationale Vereinbarungen legitimiert worden. Dies zeigt deutlich, dass die von den USA angestrebte Weltordnung nicht auf Konsensbildung und demokratischen Absprachen beruht. Stattdessen lässt das politische Handeln der Vereinigten Staaten die Strategie erkennen, durch Schaffung vollendeter Tatsachen einen Machtvorsprung vor China und Russland zu gewinnen. Durch den drastischen Anstieg der Rüstungsausgaben seit dem 11. September, die längst alle Rekorde des Kalten Krieges hinter sich gelassen haben, versuchen die USA einen technologisch uneinholbaren Vorsprung vor ihren Konkurrenten zu erlangen. Diese Politik ist gefährlich, da sie Gegenreaktionen hervorruft und bereits jetzt ein neues Wettrüsten in Gang gesetzt hat. Und es ist fraglich, ob dieser Politik ihre Gefährlichkeit genommen werden kann, indem ein zukünftiger Präsident Obama mit China und Europa Absprachen trifft, Russland aber weiterhin einer verschärften militärischen Bedrohung aussetzt.
Die strategische Logik des Raketenschildes
Besonders deutlich wird diese Politik am Beispiel der strategischen Funktion des geplanten Raketenschilds. Dessen Stationierung in Polen und Tschechien ist nicht dazu gedacht, Raketen aus dem Iran abzufangen. Erstens verfügt der Iran gar nicht über Raketen mit einer Reichweite von 5000–8000 Kilometer. Zweitens ist die Entwicklung solcher Raketen ein langwieriger Prozess, da von ersten Testflügen, die kaum unbemerkt vonstatten gehen könnten, bis zur endgültigen Fertigstellung Jahre vergehen. Und drittens: Wäre das Raketenschild dennoch gegen den Iran gerichtet, so wäre in diesem Fall der russische Kompromissvorschlag, ein gemeinsames Raketenabfangsystem in Aserbaidschan zu errichten, weit besser geeignet. Denn dort stationierte Abfangraketen könnten iranische Raketen bereits am Beginn ihrer Flugbahn treffen und zerstören. Trümmerteile würden in diesem Fall nicht über Europa, sondern über unbewohntem Gebiet, nämlich dem Mittelmeer oder dem Schwarzen Meer, niedergehen. Dass die USA diesen Kompromissvorschlag ausgeschlagen haben, lässt nur einen Schluss zu: Der Raketenschild richtet sich in erster Linie nicht gegen den Iran, sondern gegen Russland. Dies wird zudem dadurch unterstrichen, dass auch die anderen Basen des Raketenschildes in Grenzregionen zu Russland, wie z. B. Alaska, stationiert sind.
Es ist bis heute nicht geklärt, wie weit die Fähigkeit Washingtons, nukleare Langstreckenraketen bereits im Orbit abzufangen, eigentlich entwickelt ist. Oft wird daraus der Schluss gezogen, der Raketenschild hätte faktisch kaum eine militärische Bedeutung, und die russischen Sorgen seien unbegründet. In der Tat wäre ein funktionierender Raketenschild wahrscheinlich nur in der Lage, einige Dutzend nuklear bestückter Raketen abzufangen. Gegen einen realen nuklearen Überraschungsangriff mit vielen hundert oder tausend Sprengköpfen könnte dagegen auch ein Raketenschild nichts ausrichten. Das bedeutet aber nicht, dass der Raketenschirm gar keine militärische Bedeutung hätte, sondern lediglich, dass der Raketenschirm keine defensive Funktion hat. Seine Funktion ist in der Tat offensiver Natur. Dies wird deutlich, wenn man sich die strategische Bedeutung von Nuklearwaffen vor Augen führt.
Während des Kalten Krieges haben sich beide Seiten stets darum bemüht, eine nukleare Erstschlagskapazität zu erwerben. Diese war gewissermaßen der Trumpf, auf den beide Seiten mit ihren Rüstungsanstrengungen hinarbeiteten. Eine nukleare Erstschlagskapazität bedeutet, dass eine Seite in der Lage ist, die jeweils andere in einem Überraschungsangriff zu enthaupten und sie somit der Fähigkeit zu berauben, einen Gegenschlag auszuführen. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen. Etwa indem man entweder alle gegnerischen Atomwaffen in einem Überraschungsschlag außer Gefecht setzt oder aber die Kommandostrukturen vollständig lahm legt. Und schließlich, indem man einen Gegenschlag soweit zu begrenzen vermag, dass es möglich ist, ihn erfolgreich abzuwehren. Genau hier kommt der Raketenschild ins Spiel. Seine militärische Bedeutung beruht nicht darin, einen russischen Erstschlag mit Hunderten von Raketen abzufangen. Seine Aufgabe besteht darin, nur ein paar Dutzend Raketen abzufangen – nämlich jene, die Moskau nach einem US-amerikanischen Überraschungsangriff noch für einen Zweitschlag zur Verfügung stehen würden. Der Raketenschild ist also ein entscheidender Faktor in dem Bemühen, eine nukleare Erstschlagskapazität gegenüber Russland aufzubauen. Zwar ist zunächst geplant, nur zehn Abfangraketen in Polen zu stationieren. Doch sofern das System erst einmal errichtet ist, könnte deren Zahl leicht erhöht werden.
Dass diese strategischen Überlegungen bei derzeitigen amerikanischen Rüstungsanstrengungen tatsächlich eine Rolle spielen, zeigt ein im April/Mai 2006 in den foreign affairs publizierter Aufsatz. Der Essay trägt den Titel: „The Rise of U.S. Nuclear Primacy“[20] („Der Aufstieg der USA zur nuklearen Vorherrschaft“). Die beiden Autoren Keir A. Lieber und Darley G. Press stellten sich darin die Frage, ob China oder Russland im Falle eines nuklearen Überraschungsangriff durch die USA in der Lage wären, mit einem Zweitschlag zu reagieren. Um zu ermitteln, wie sehr sich das nukleare Gleichgewicht seit dem Ende des Kalten Krieges verschoben hat, ließen die Autoren im Computermodell einen US-amerikanischen Überraschungsangriff auf Russland simulieren. Sie benutzten dabei die Methoden, die im Verteidigungsministerium seit Dekaden benutzt werden. Das Ergebnis war, dass die russischen Verteidigungskräfte weitgehend radarblind sind und selbst einen von U-Booten im Pazifik aus begonnenen Angriff wahrscheinlich erst bemerken würden, wenn die ersten Raketen Moskau erreichten. Selbst wenn ein Überraschungsangriff der USA darauf verzichten würde, zu allererst die Radaranlagen und die Kommandozentralen auszuschalten, wären Lieber und Press zufolge die USA in der Lage, circa 99 Prozent der russischen Atomraketen im Erstschlag zu zerstören. Das eine Prozent der verbliebenen russischen Atomraketen, die Moskau in einem Zweitschlag noch abfeuern könnte, würde wahrscheinlich – so die Autoren – durch das Raketenschild neutralisiert werden.
Dieser Artikel führt vor Augen, worin die eigentliche Funktion des Raketenschildes besteht. Er soll die USA in die Lage versetzen, einen Atomkrieg zu führen, ohne selbst von Gegenschlägen getroffen zu werden. Wäre diese Fähigkeit erst einmal erworben, ließe sie sich als geopolitisches Druckmittel verwenden, um Interessen durchzusetzen. Zudem könnte eine absolute nukleare Überlegenheit dazu dienen, einen Machtverlust auf wirtschaftlichem oder finanzpolitischem Gebiet auszugleichen. Dass es sich dabei um mehr als nur eine pessimistische Befürchtung handelt, zeigen noch andere Aspekte der amerikanischen Rüstungsanstrengungen.
So entwickeln die USA derzeit Atomwaffen mit begrenzter Sprengkraft. Diese so genannten „Mini Nukes“ werden wiederum zu speziellen bunkerbrechenden Waffen weiterentwickelt. Das Besondere an diesen Waffen ist, dass sie mit hoher Geschwindigkeit auftreffen und sich einige Meter tief in die Erde bohren können, um auf diese Weise im Idealfall unterirdisch zu explodieren.[21] Offiziell begründet man die Entwicklung dieser neuen Generation von Atomwaffen mit dem Ziel, nur auf diese Weise Bunkeranlagen tief unter der Erde – wie etwa im Iran – mittels der entstehenden Druckwelle zerstören zu können.[22] Doch diese Begründung ist zweischneidig. Zum einen hat man damit indirekt zugegeben, dass die schon öfter von Journalisten aufgedeckten Pläne[23], in einem möglichen zukünftigen Irankrieg Atomwaffen einzusetzen, durchaus ernst zu nehmen sind. Zum anderen besitzt nicht nur der Iran solche Bunker. Auch entscheidende Kommandostrukturen der russischen Nuklearstreitkräfte befinden sich in unterirdischen Bunkeranlagen. Diese liegen so tief, dass sie mit oberirdisch explodierenden Atomwaffen nicht zerstört werden können. Die Entscheidung, bunkerbrechende Atombomben zu entwickeln, könnte somit als Teil der strategischen Bemühungen bewertet werden, auf die auch schon der US-amerikanische Raketenschild abzielt. Nämlich durch die Fähigkeit, unterirdische Kommandostrukturen präventiv zu zerstören, eine nukleare Erstschlagskapazität zu erwerben.
Aber auch unabhängig davon bedeutet die Entwicklung von Atomwaffen mit begrenzter Sprengkraft, dass auf diese Weise die negativen Folgen eines Atomkriegs – wie zum Beispiel die Verstrahlung der Atmosphäre oder die Entstehung eines nuklearen Winters – stark gemildert werden. Auf diese Weise sinkt aber auch die Hemmschwelle zum Einsatz des nuklearen Feuers. Schließlich fügen sich auch die Bemühungen der USA, Waffensysteme im Weltraum zu stationieren, in die Bemühungen ein, eine nukleare Erstschlagskapazität zu erwerben. Denn die Fähigkeit, feindliche Satelliten zu zerstören, ist eine wesentliche Voraussetzung, die kommunikativen Fähigkeiten des Gegners lahm zu legen.
Wie sehr diese Rüstungsstrategie der USA die russische Regierung beunruhigt, machen einige Sätze deutlich, die Putin während des G 8 Gipfels in Heiligendamm auf einer Pressekonferenz an die versammelten Reporter richtete. Die Brisanz seiner Äußerung wird dadurch unterstrichen, dass die gesamte Pressekonferenz in der deutschen und amerikanischen Presse zensiert worden ist und die Leser deutscher Zeitungen bis heute gar nicht erfahren haben, dass diese Pressekonferenz überhaupt stattgefunden hat.
„Tatsächlich entwickelt sich gerade ein Wettrüsten. Aber waren wir es, die sich aus dem ABM-Vertrag zurückgezogen haben? (…) Wir haben ihnen bereits vor zwei Jahren gesagt: „Tut das nicht, Ihr braucht dies nicht zu tun. (…) Ihr zerstört das System der internationalen Sicherheit. (…) Nein, sie hörten nicht auf uns. Dann hörten wir, dass sie Nuklearwaffen mit begrenzter Sprengkraft entwickelten, und sie arbeiten weiter daran, diese Sprengköpfe zu entwickeln. (…) Aber vielleicht wäre es besser, nach anderen Wegen und Mitteln Ausschau zu halten, (…) anstatt Atomwaffen mit begrenzter Sprengkraft zu entwickeln, und damit die Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen zu senken und die Menschheit auf diese Weise an den Rand einer nuklearen Katastrophe zu bringen. Aber sie hören nicht auf uns. Wir sagen: Installiert keine Waffen im Weltraum. Wir wollen das nicht tun. Nein, es geht weiter: „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“. Was ist das? Ist das ein Dialog oder die Suche nach einem Kompromiss?“[24]
„Ich möchte nicht, dass Sie der Illusion erliegen, dass wir irgendjemanden nicht mehr lieben. Aber manchmal denke ich bei mir: Warum tun sie all dieses? Warum versuchen unsere amerikanischen Partner so hartnäckig, ein Raketenabwehrsystem in Europa aufzustellen, wo es doch – und dies ist absolut offensichtlich – nicht erforderlich ist, iranische Raketen oder – noch offensichtlicher – nordkoreanische Raketen abzuwehren? (Wir wissen alle, wo Nordkorea liegt und welche Reichweite diese Raketen haben müssten, um Europa erreichen zu können.) Also ist das Abwehrsystem eindeutig nicht gegen diese Länder gerichtet, und es ist eindeutig nicht gegen Russland gerichtet, denn es ist für jedermann zu sehen, dass Russland keinerlei Vorbereitungen trifft, irgendjemanden anzugreifen. Also warum?“24
„Wir sagten, dass wir nicht die Ressourcen und nicht den Wunsch haben, ein solches System (Raketenabwehrsystem) aufzustellen. Aber als Profis verstehen wir, dass eine Illusion von Sicherheit entsteht, wenn die eine Seite ein solches System hat und die andere nicht und dass dies die Möglichkeit eines nuklearen Konfliktes erhöht.“ (…) „Und wenn dieses Gleichgewicht in der Welt schließlich zerstört wird, dann wird es eine Katastrophe nicht nur für Russland, sondern auch für die gesamte Welt sein.“
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Die Vorgeschichte des neuen Kalten Krieges
Diese Zitate, die an sich schon ein Dokument des neuen Kalten Krieges sind, werfen die Frage auf, wodurch diese Entwicklung eigentlich verursacht wurde? Welche Faktoren haben dazu geführt, dass der Kalte Krieg trotz des Sieges des Kapitalismus in eine zweite Runde geht? Oder hatte er vielleicht niemals aufgehört?
Das Russland-Kapitel in Brzezinskis Hauptwerk fällt jedenfalls durch eine sehr polemische Überschrift auf. Er bezeichnet darin Russland als „Das schwarze Loch“. Dieser abwertende Titel hat inhaltliche Konsequenzen für die Bestimmung der Rolle, die Brzezinski Russland zuspricht. Es fällt auf, dass er Russland nach der Selbstauflösung der Sowjetunion kaum noch das Recht auf einen eigenen geopolitischen Einflussbereich zugesteht. Auch Russlands Bemühen, auf der Basis wirtschaftlicher Kooperationen und militärischer Zusammenarbeit Einfluss in einigen der ehemaligen Sowjetrepubliken zu bewahren, wird von Brzezinski als „geostrategische Wunschvorstellung“[25] verworfen. Stattdessen entwirft er in seinem Buch das Bild eines zukünftigen Russland, das seine Bestrebungen nach geopolitisch selbstständigem Handeln weitgehend aufgegeben hat und sich stattdessen in Fragen der Sicherheitspolitik der NATO und in Fragen der Wirtschaftspolitik dem IWF, der Weltbank und ähnlichen Institutionen unterordnet. Die Tatsache, dass russische Außenpolitiker Weißrussland, die Ukraine und andere ehemalige Sowjetrepubliken als ihre natürliche Einflusssphäre ansehen, bewertet Brzezinski unterschiedslos als „imperiale Restauration“[26] oder „imperialistische Propaganda“[27]. Versuche, in Zukunft eine geopolitisch bedeutende Position zurück zu erlangen, nennt er „nutzlose Bemühunge“"27. An einer Stelle schlägt Brzezinski sogar eine Teilung Russlands in drei oder vier Teile vor: „Einem lockerer konföderierten Russland – bestehend aus einem europäischen Russland, einer sibirischen Republik und einer fernöstlichen Republik – fiele es auch leichter, engere Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, den neuen Staaten Zentralasiens und dem Osten zu pflegen…“.[28] Die unverhohlene Arroganz, mit der sich Brzezinski 1997 über Russland äußerte, zeigt, dass er dem ehemaligen Gegner im Kalten Krieg allenfalls die Rolle einer Kolonie bzw. eines Drittweltlandes zuordnet. Lapidar heißt es an einer anderen Stelle: „Gebietseinbußen sind somit nicht Russlands Hauptproblem.“27 Andererseits spiegeln diese Äußerungen aber auch Russlands reale Stellung nach einer ganzen Serie wirtschaftlicher Rezessionen wider, die 1998 mit der Abwertung des Rubels einen ihrer Höhepunkte erreichte. Russland war seinerzeit hoch verschuldet und hat einen Teil seiner wirtschaftspolitischen Souveränität wie ein Land der Dritten Welt an den IWF und die Weltbank abgeben müssen. So beendete Brzezinski 1997 sein Kapitel über Russland mit den Worten: "Tatsächlich besteht das Dilemma für Russland nicht mehr darin, eine geopolitische Wahl zu treffen, denn im Grunde genommen geht es ums Überleben.“[29] Mittlerweile hat sich gezeigt, dass Russland in der Tat überlebt hat und seine geographische Ausdehnung zu bewahren vermochte. Russland ist nicht länger jenes „schwarzes Loch“, in dem ausländische Mächte nach Belieben schalten und walten können. Und so wird zehn Jahre nach Brzezinskis Analysen deutlich, wie sehr sich die Prognosen amerikanischer Außenpolitik geirrt haben. Doch dieser Entwicklung trägt Brzezinski in seinem jüngsten Buch kaum Rechnung. Nach wie vor strebt er eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine an. Und nach wie vor bewertet er das russische Bemühen, Einfluss in der Ukraine zu bewahren, als Imperialismus.[30] Doch die Ukraine war über 200 Jahre lang mit Russland verbunden. Nahezu 20 Prozent der Ukrainer sind Russen. Hinzu kommen zahlreiche Bürger gemischter Herkunft. Und schließlich wird in weiten Teilen des Landes Russisch gesprochen. Doch der zur Zeit Stalins in der Ukraine aufgewachsene Brzezinski hat auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in Washington Karriere gemacht. Daraus resultiert eine negative gedankliche Fixierung auf Russland. Diese tritt deutlich zu Tage, wenn er die Ukraine als Kopf Russlands bezeichnet, ohne den „Russland nicht zu Europa“[31] gehören kann.
Die Politik der maximalen Schwächung
Die Selbstauflösung des Warschauer Paktes war nicht nur eine einseitige Kapitulation. Es war eine Politik, die die richtigen Schlüsse aus den internen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gezogen hatte. Die Alternative wäre gewesen, dass russische „Neokonservative“ ihr Heil in einer verschärften militärischen Konfrontation gesucht hätten. Diese Möglichkeit erhob kurz ihr Haupt, als am 19.8.1991 eine Gruppe aus der alten kommunistischen Garde für einige Tage die Macht an sich riss. Gorbatschows Politik erwies sich jedoch als fähig, aus dem engen Gedankenkreis geopolitischer Interessen herauszutreten und eine ganz neue Situation herzustellen.
Es gab mehrere Möglichkeiten, wie der Westen auf die von Michail Gorbatschow eingeleitete Politik hätte reagieren können. Eine Möglichkeit wäre gewesen, Russland tatkräftig beim Übergang in das westliche Gesellschaftsmodell zu helfen. Im Interesse einer gesunden demokratischen Entwicklung wäre es von Bedeutung gewesen, den vollkommenen Zusammenbruch der sozialen Sicherheitssysteme – wie er sich dann ereignete – zu vermeiden. Dies hätte bedeutet, dass man Russland ausreichend Kredite gewährt und dem Land erlaubt hätte, sich beim Übergang in den Kapitalismus auch an der damals noch in Deutschland praktizierten sozialen Marktwirtschaft zu orientieren. Kurz: Man hätte Gorbatschows gewaltige Vorleistungen in der Friedenspolitik mit einem Entgegenkommen beantworten müssen. Diese Politik hätte beinhaltet, dass man Russland nach seiner Abkehr vom Kommunismus als zukünftigen geopolitischen Akteur ernst genommen hätte, dass man bereit gewesen wäre, ein demokratisches Russland tatsächlich in die Gestaltung einer zukünftigen Weltordnung mit einzubeziehen. Die zukünftige Machtverteilung der dann entstandenen Weltordnung hätte etwa der der ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats entsprochen. Die USA wären in dieser Konstellation die mit Abstand bedeutendste, aber wahrscheinlich nicht die einzige Macht geblieben, und möglicherweise hätte dies schließlich zu einer fundamentalen Neugestaltung oder gar Auflösung der NATO geführt.
Doch der Weg, der stattdessen beschritten wurde, war ein gänzlich anderer. Das Augenmerk der USA richtete sich weniger auf die Demokratisierung Russlands als vielmehr auf seine Kapitalisierung. Und zwar nicht im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft oder eines halbwegs erträglichen Übergangs, sondern im Sinne einer neoliberalen Schocktherapie. Ziel war von Anfang an eine möglichst starke Schwächung Russlands. Bereits auf dem G7-Gipfel 1991 hatte man von Gorbatschow gefordert, die Transformation mit wirtschaftlichen Radikalmaßnahmen zuzulassen. Durch die Erfahrungen in Lateinamerika war bereits bekannt, dass die damit gemeinte Wirtschaftsreform vor allem zur Etablierung eines unregulierten Kapitalismus führen würde, der mit enormen gesellschaftlichen Verwerfungen einhergeht. The Economist forderte deshalb ganz folgerichtig, dass Gorbatschow sich bei seinen Reformen an dem chilenischen Diktator Augusto Pinochet orientieren sollte.[32] Dieses Beispiel macht deutlich, dass mit der Freiheit, mit der man Russland beglücken wollte, vor allem die Freiheit des Geldes gemeint war.
Als die russische Regierung sich kurz nach der Amtseinführung Jelzins den Ratschlägen der amerikanischen Wirtschaftsberater unter Führung von Jeffrey Sachs fügte, hielten die USA Russland sogar noch die in Aussicht gestellten Kredite vor.[33] Auf diese Weise wurde eines der waghalsigsten wirtschaftlichen Experimente fast ohne finanzielle Absicherung durchgeführt. Das Resultat ließ nicht lange auf sich warten. Die Privatisierung von Staatsbetrieben und die Freigabe der Preise sorgte dafür, dass innerhalb eines Jahres der Konsum um 40 Prozent sank und ein Drittel der Bevölkerung unter die Armutsgrenze rutschte. Während viele russische Bürger sich gezwungen sahen, ihr Hab und Gut auf Marktplätzen zu verkaufen, die durchschnittliche Lebenserwartung auf 57 Jahre sank, entstanden zugleich 17 neue Milliardäre. Der russische Staat stürzte in eine seiner schwersten Krisen. Was folgte, war eine jahrelang anhaltende Kapitalflucht aus Russland, von der letztlich westliche Anleger profitierten, während zugleich der russische Staat seinen Beamten keine Gehälter mehr auszahlen konnte. 1995 fragte das Wall Street Journal seine Leser, ob sie nach Investitionsmöglichkeiten suchten, die in drei Jahren 2000 Prozent abwerfen können. „Nur ein Aktienmarkt“, so die Zeitung, „bietet diese Aussicht – Russland“[34]. Diese enormen Renditen kamen zustande, weil das russische Staatseigentum zu Schleuderpreisen verkauft wurde. Norilsk Nickel, ein Konzern, der seinerzeit für ein Fünftel der weltweiten Nickelproduktion zuständig war, wurde für 170 Millionen Dollar verscherbelt. Kurze Zeit später sollten die Profite des Unternehmens 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr erreichen. Für den Ölgiganten Yukos, der mehr Öl als der Staat Kuwait kontrollierte, wurden lediglich 309 Millionen Dollar bezahlt.[35] Dass der russische Staat jedoch verkaufen musste und notfalls zu Billigpreisen, dafür war gesorgt. Denn während im Lande die sozialen Sicherungssysteme zusammenbrachen, wurde Russland von Seiten des Westens jede ernst gemeinte finanzielle Hilfe vorenthalten.
Die amerikanische Russlandpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges ähnelte in vielerlei Hinsicht der französischen Außenpolitik gegenüber Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Genau wie Frankreich sich damals dafür einsetzte, durch hoch veranschlagte Reparationszahlungen und die später erfolgte Besetzung des Ruhrgebiets eine dauerhafte Schwächung seines geopolitischen Konkurrenten zu erreichen, wünschten sich die USA nach dem Ende des Kalten Krieges zwar kein instabiles, aber doch ein möglichst schwaches Russland. Man wendete die Techniken des bekannten Schuldenimperialismus an und war vor allem daran interessiert, Russland in einen billigen und von ausländischem Kapital abhängigen Rohstoffexporteur zu verwandeln. Einen besonders klaren Ausdruck fand dieser Grundsatz US-amerikanischer Außenpolitik in Brzezinskis Idee einer Drei- oder Vierteilung des Landes. Die damals eingeleitete Politik führte zu der geopolitischen Situation, die sich heute abzeichnet.
Der neue Kalte Krieg – ein Ergebnis der Geographie?
Der Grund für diese politische Entscheidung ist in der geographischen Lage Russlands zu suchen. In „The Grand Chessboard“ findet sich eine Karte, auf der Brzezinski das „eurasische Schachbrett“ darstellt. Darin ist der Kontinent in vier Regionen – oder um bei der Schachmetapher zu bleiben – in vier Figuren eingeteilt.
Eine Figur auf dem eurasischen Schachbrett steht für Europa etwa in der Größe der heutigen EU, eine zweite für China einschließlich einiger angrenzender Staaten, die dritte für den Nahen und Mittleren Osten mit Teilen Zentralasiens. Doch die mit Abstand größte Figur – die Brzezinski die mittlere Region nennt – stellt Russland dar. Der geopolitische Theoretiker Harold Mackinder hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Einteilung vorgenommen. Darin hatte er das damalige Russland als „Zentralregion“ bzw. „Herzland“ bezeichnet. Eurasien wiederum wurde von ihm als „Welteninsel“ bezeichnet. Berühmt geworden ist folgendes Zitat von Harold Mackinder:
Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland (Sibirien/Zentralasien),
wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel (Eurasien),
wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.
Für Mackinder war vor 100 Jahren noch der Gegensatz zwischen Land- und Seemacht ein zentrales Reflektionsmoment seiner geopolitischen Analysen. Heute, im Zeitalter des internationalen Flugverkehrs, hat die Bedeutung dieses Moments allerdings nachgelassen, was Brzezinski auch andeutet. Doch in der zentralen Einschätzung Eurasiens als dem eigentlichen Zentrum der Welt berühren sich Brzezinskis geopolitische Analysen mit jenen Mackinders. Wie Mackinder im Hinblick auf das britische Empire sieht auch Brzezinski knapp 100 Jahre später den Machtkampf um die Vorherrschaft Eurasiens als die Schicksalsfrage jedes herrschenden Imperiums. Denn auch die USA haben – wie das britische Empire damals – eine geographische Lage, die eher abseits der so genannten „Welteninsel“ (Eurasien) angesiedelt ist. Die USA müssen als nicht-eurasische Nation ihre Weltmachtposition auf einem Kontinent durchsetzen und verteidigen, auf dem sie nicht zu Hause sind. Sie könnten somit leichter als andere Staaten aus Eurasien verdrängt werden. Dies wiederum zwingt die amerikanische Außenpolitik zu einer umso größeren und gewissermaßen präventiven Einflussnahme auf dem asiatischen und europäischen Kontinent.
Russland ist somit in den Augen US-amerikanischer Geopolitiker die zentrale Figur auf dem eurasischen Schachbrett. Die Überwindung der ideologischen Konkurrenz bedeutete nicht, dass auch die geographische Rivalität überwunden wurde. Im Gegenteil: Die geographische Lage Russlands ist aus Sicht der Vereinigten Staaten derart privilegiert, dass eine präventive Schwächung Russlands ins Auge gefasst wurde.
Die USA sind die größte Macht außerhalb Eurasiens. Wollen sie den eurasischen Kontinent dominieren, so geraten sie automatisch in einen Interessenkonflikt mit Russland. Dabei ist Russland weit davon entfernt, die stärkste Macht auf dem eurasischen Kontinent zu sein. Wirtschaftlich wird Russland nie mit China und Europa konkurrieren können. Allerdings ist das Land durch seine geographische Position im Zentrum der eurasischen Landmasse und seinen Rohstoffreichtum langfristig in der Lage, eurasische Kooperationen zu begründen. So könnten etwa vertiefte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und der EU letztere in die Lage versetzen, eine transatlantische Orientierung durch eine kontinentale zu ergänzen. Dies wiederum würde einen erheblichen Unabhängigkeitsgewinn Europas gegenüber den USA bedeuten. Für eine zunehmende Ost-Orientierung der EU spricht auch, dass russische und europäische Interessen langfristig komplementär sind. Von russischer Seite besteht eine große Nachfrage nach europäischer Technologie, während es Europa umgekehrt in der Zeit nach Peak Oil schwer gelingen wird, ohne Russland seine Energieversorgung sicherzustellen.
In ganz ähnlicher Weise könnte ein Bündnis zwischen Russland und China, wie es sich bereits in der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) langsam herausbildet, langfristig ein zweites weltwirtschaftliches Zentrum in Asien begründen. Würde dies geschehen, so wäre es für die USA zunehmend schwierig, ihren Einfluss im Nahen Osten und Zentralasien zu wahren. Die Vormachtstellung der USA auf dem eurasischen Kontinent ist also in mehrfacher Hinsicht bedroht. Und stets kommt Russland dabei die Rolle eines hochdynamischen Akteurs zu. Da es als einziges Land in der Lage ist, den Osten und Westen Eurasiens zu verbinden, kann es bei der Entstehung einer eurasischen Interessengemeinschaft katalytisch wirken. Verstärkt wird diese Position noch dadurch, dass Russland das einzige Industrieland ist, das von der durch Peak Oil ausgelösten Energiekrise zunächst nicht betroffen sein wird.
Die geographisch begründeten Interessengegensätze zwischen Russland und den USA erklären möglicherweise die amerikanische Russlandpolitik seit dem Fall der Berliner Mauer. Der neue Kalte Krieg erweist sich insofern als die Fortsetzung des alten, als dieser nie wirklich aufgehört hat. Der Kalte Krieg wurde fortgesetzt, weil die USA mit dem Fall der Berliner Mauer nur eines ihrer beiden geopolitischen Ziele erreicht haben. Das erste Ziel war zweifellos der Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus. Doch das zweite Ziel – und dies wird erst jetzt anhand der aktuellen Politik der USA deutlich – war die unangefochtene Vormachtstellung der USA in Eurasien. Die amerikanischen Eliten glaubten, dass es ihnen und den USA vorherbestimmt sei, die Welt in eine post-nationalstaatliche Ordnung zu überführen, und dass zur Verwirklichung dieses Ziels die Vormachtstellung in Eurasien eine unabdingbare Voraussetzung sei.
Doch dieser Traum amerikanischer Allmacht, den Brzezinski 1997 wie selbstverständlich als legitim voraussetzt, ist in den letzten Jahren zunehmend unrealistisch geworden. Es rückt durch den rasanten Aufstieg nicht nur Russlands, sondern auch Chinas und Indiens in immer weitere Ferne. Es mutet absurd an, dass ausgerechnet in einer Zeit, da die so genannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) ein enormes Wirtschaftswachstum generieren, die NATO erstmals ein weltweites Gewaltmonopol für sich beansprucht. Brzezinski ging 1997 noch davon aus, dass die USA für den Zeitraum einer Generation die einzige wirkliche Weltmacht bleiben könnten. Er sah die USA in einer weltweit unangefochtenen Schiedsrichterposition. Doch bereits zehn Jahre nach Brzezinskis außenpolitischer Analyse sind die USA mit der Erschöpfung ihrer imperialen Kräfte konfrontiert. Wie soll es den USA erst möglich sein, einen fremden Kontinent gegenüber einem selbstbewussten Russland und einem erstarkten China zu dominieren. Die napoleonischen Kriege und der Zweite Weltkrieg sind zudem Beispiele dafür, dass auch schon in der Vergangenheit alle Versuche, vom Rande Eurasiens in sein Zentrum vorzustoßen, stets gescheitert sind. Wie werden sich die USA verhalten, wenn auch sie von diesem Schicksal eingeholt werden?
Zwei mögliche Szenarien zeichnen sich ab
Das hängt davon ab, ob es sich bei den von Brzezinski 1997 formulierten Zielsetzungen um solche handelt, die fallen gelassen werden können, wenn sie sich als unrealistisch erweisen, oder ob es sich ganz im Gegenteil um Ziele handelt, die so sehr mit der Identität der USA, ihren Institutionen und ihren politischen Führungselite verwachsen sind, dass sie weder relativiert noch aufgegeben werden können.
Geht man vom günstigsten Fall aus, würden die amerikanischen Geopolitiker erkennen, dass die 1997 von Brzezinski formulierten Ziele sich als nicht erreichbar erwiesen haben und dass die europäischen Politiker einsehen, eine Neuauflage dieser Pläne in Gestalt einer transatlantischen Zusammenarbeit liegt letztlich nicht im europäischen Interesse. Es ist davon auszugehen, dass der Dollar in den nächsten fünf Jahren seine Position als vorherrschende Weltwährung einbüßen wird. Damit aber verlieren die USA auch einen erheblichen Teil ihrer Seignoragevorteile, die wiederum die finanzielle Basis ihrer enormen Rüstungsausgaben bilden. Viele der militärischen Basen außerhalb der USA könnten dann nicht länger finanziert werden. Fortan müssten sich die USA ihre Weltmachtposition mit eurasischen Konkurrenten wie China, Russland und Europa teilen. Es wäre gut möglich, dass sie in Folge ihrer bisherigen Politik in Zentralasien ihren Einfluss in dieser Region gänzlich verlieren.
Der Verlust der Position als einzige verbliebene Supermacht bedeutet aber auch, dass die allmähliche Entstehung einer postnationalstaatlichen Weltordnung nicht mehr in dem Maße von den USA alleine gestaltet werden kann, wie Brzezinski dies noch 1997 für möglich gehalten hat. Es ist auch fraglich, ob eine vertiefte transatlantische Kooperation hier eine Alternative ist. Der grundsätzliche Charakter der Welt im 21. Jahrhundert kann wahrscheinlich nicht mehr im selben Maße von den USA oder dem Westen geprägt werden wie in den zurückliegenden Jahrzehnten. In dem Maße, wie unterschiedliche Kontinente und Kulturkreise sich hinsichtlich eines übernationales Rahmenwerkes der zukünftigen geopolitischen Ordnung einig werden müssen, entsteht auch Raum für alternative Entwürfe. Möglicherweise würde die Vorrangstellung des Marktes als zentrale Instanz der Vergesellschaftung, die mit der kulturellen Vorherrschaft der USA sehr eng verflochten ist, erneut infrage gestellt werden. An die Stelle einer von den USA dirigierten Globalisierung würde ein Prozess der offenen Aushandlung zwischen ungefähr gleichstarken Mächten treten. Jedenfalls dürfte es in absehbarer Zeit keinen Staat geben, der die Welt in ähnlich starker Weise dominieren könnte, wie dies die USA über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert vermochten. In diesem Prozess der offenen Aushandlung wäre der Westen mit seiner eigenen Außenwahrnehmung konfrontiert. Die heute noch allgemein akzeptierte Vorstellung vom „guten Abendland“ würde erheblich ins Wanken geraten, wenn die Ausbeutung der Dritten Welt, die Praxis des Schuldenimperialismus und die Unterstützung von Diktaturen einmal Gegenstand einer geschichtlichen Erinnerung, ja möglicherweise sogar gerichtlichen Aufarbeitung werden würden.
Doch vielleicht ist genau dies die Zukunftsprognose, gegen die Brzezinskis Plan einer US-amerikanischen Vorherrschaft in Eurasien letzten Endes gerichtet ist. Und möglicherweise gilt dies nicht nur für Brzezinski, sondern für große Teile der amerikanischen Elite. Es ist nicht auszuschließen, dass der Glaube an die legitime Vorherrschaft der USA so eng mit dem Identitätsgefühl ihrer Elite verflochten ist, dass auch ein offensichtliches Scheitern dieser Politik nicht zu einer neuen Orientierung führt. Einige Gedanken, die Brzezinski in seinem jüngsten Buch Second Chance formulierte und die den Plan einer Vorherrschaft über Eurasien durch eine vertiefte amerikanisch-europäische Zusammenarbeit retten sollen, deuten daraufhin.[36] Dies scheint der letzte Strohhalm zu sein, nach dem er greift, um den Gedanken abzuwehren, dass die Vorherrschaft des Westens über ganz Eurasien weder politisch noch wirtschaftlich und erst recht nicht militärisch durchsetzbar ist.
Welchen Verlauf würde die Geschichte nehmen, wenn die amerikanischen und europäischen Geopolitiker – ungeachtet der neuen Machtverteilung – konsequent an jenem Plan der Vorherrschaft über Eurasien festhalten würden? In diesem Fall müsste es zu einem Zusammenstoß verschiedener eurasischer Mächte kommen. Dieser Zusammenstoß könnte sich in Form eines Kalten oder Heißen Krieges vollziehen. Ein Kalter Krieg wäre verbunden mit der Dämonisierung des Gegners in der Öffentlichkeit, wie sie sich gegenüber Russland bereits heute abzeichnet. Außerdem geht mit einem Kalten Krieg auch immer die Gefahr einer versehentlichen Auslösung eines militärischen Ernstfalls durch menschliches oder technisches Versagen einher. Da ein neuer Kalter Krieg sich nicht im Gleichgewicht des Schreckens, sondern in einer militärischen und technologischen Asymmetrie vollziehen würde, wäre damit auch die Gefahr einer Auslösung des Krieges ungleich höher als im ersten Kalten Krieg. So könnten sich die Inhaber eines Raketenschildes z.B. in falscher Sicherheit wiegen und den Krieg im Zuge einer diplomatischen Krise auslösen. Umgekehrt könnte die unterlegene Seite – die über keinen Raketenschild verfügt – den Krieg präventiv beginnen, sofern sie davon überzeugt ist, dass die andere Seite dies ohnehin langfristig plant. Der präventive Kriegsbeginn wäre dann der asymmetrische Ausgleich für das nicht vorhandene Raketenschild.
Doch ein Zusammenstoß verschiedener eurasischer Akteure könnte sich auch in Gestalt eines Stellvertreterkrieges ereignen. Ort eines solchen Zusammenstoßes wären mit hoher Wahrscheinlichkeit die ölreichen Regionen des Nahen Ostens und Zentralasiens. Wenn die durch Peak Oil hervorgerufene Energiekrise erst einmal begonnen hat, dürften diese Regionen endgültig ins Fadenkreuz aller Mächte geraten. Brzezinski nennt diese Region „den mittleren Raum“ oder auch „den eurasischen Balkan“. Für ihn ist sie allein auf Grund ihrer geographischen Lage und unabhängig von ihren Ölvorräten Dreh- und Angelpunkt jeglicher Vorherrschaft in Eurasien. Die Bezeichnung „eurasischer Balkan“ bezieht sich auf die starke ethnische Fragmentierung in diesem Gebiet. Die wichtigsten Ethnien, die sich über die ehemaligen südlichen Sowjetrepubliken westlich und östlich des Kaspischen Meeres verteilen, sind Usbeken, Kasachen, Tadschiken, Russen, Ukrainer, Georgier, Turkmenen und Kirgisen. Die ethnisch homogensten Staaten sind Armenien und Aserbaidschan, während östlich des Kaspischen Meeres die ethnische Fragmentierung sehr weit geht. Auch Iran, Afghanistan und Pakistan weisen viele ethnische Minderheiten auf. Libanon und Irak sind wiederum in schiitische und sunnitische Bevölkerungsgruppen geteilt.
Aufgrund dieser Situation ist es sehr wahrscheinlich, dass die geopolitische Konkurrenz verschiedener Mächte in dieser Region ähnlich ausgetragen werden würde wie einst auf dem europäischen Balkan. Auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien machten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Russland, Österreich-Ungarn, Deutschland, Frankreich und Großbritannien gegenseitig Konkurrenz. Dabei bedienten sich die Großmächte der in dieser Region vorgefundenen ethnischen Konflikte. Die Instabilität dieser Region lud ausländische Großmächte dazu ein, durch Parteibildungen und Einflussnahme ihre Interessen gegeneinander durchzusetzen. Der europäische Balkan ist ein Beispiel dafür, dass in ethnisch gemischten Regionen, in denen sich zudem die Einflusssphären verschiedener Großmächte überschneiden und kreuzen, Bürgerkriege leicht entfacht werden können.
Auf dem eurasischen Balkan konkurrieren weit mehr Mächte miteinander als einst auf dem europäischen Balkan. Die wichtigsten Akteure sind Russland, die USA, die Türkei und der Iran. Überdies ist in den letzten Jahren der Einfluss Chinas, Indiens, Pakistans und der EU immer spürbarer geworden. Eine bis zum Äußersten geführte geopolitische Konkurrenz um Einfluss in dieser Region könnte irgendwann das Feuer des Bürgerkrieges entfachen. Ansätze hierfür lassen sich bereits heute in jenen beiden Ländern beobachten, die direkt unter US-amerikanischer Besetzung stehen, nämlich im Irak und in Afghanistan. Insbesondere im Irak könnte es zu einem Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten kommen, wobei die US-amerikanische Besatzungspolitik sich dieser Entwicklung gegenüber nicht neutral verhält: Sie trennt die Religionsgruppen in unterschiedlichen Wohnquartieren und Zeltstädten und erreichtet sogar Mauern zwischen ihnen. Es ist ein bekanntes soziologisches Phänomen, dass solche Maßnahmen das Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen eher steigern und das religiöse Sektierertum befördern, als dass sie helfen es einzudämmen. Der US-amerikanische Journalist Seymour Hersh hat deshalb in diesem Zusammenhang seiner Regierung die Praxis „ethnischer Säuberungen“[37] vorgeworfen.
Offen ausgetragene ethnische Konflikte im Irak wären in jedem Fall fatal und könnten leicht auf den ebenfalls in mehrere Völker fragmentierten Iran übergreifen. Ethnische Konflikte in Afghanistan könnten sich wiederum nach Pakistan ausdehnen. In diesem Fall wäre davon auszugehen, dass viele der geopolitischen Akteure in dieser Region in einem solchen Konflikt nicht neutral bleiben würden. Denn die gesamten Grenzziehungen in dieser Region – die seit Jahrzehnten Bestand haben – ständen mit einem Mal in Frage. Ein Wettkampf um zukünftige Einflusszonen würde ausbrechen. Staaten, die bis dahin wenig Einfluss in einem Land besessen haben, könnten darauf spekulieren, durch die Unterstützung einzelner ethnischer oder religiöser Gruppierungen diese Macht nun zu gewinnen. Die Verlockung, auf diese Weise Interessen geltend zu machen, wäre umso größer, je reicher die von einer spezifischen Bevölkerungsgruppe bewohnte Region an Gas- und Ölvorkommen wäre.
Würde die geopolitische Konkurrenz in der Region zwischen Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und einigen ehemaligen Sowjetrepubliken sich tatsächlich zu einer bürgerkriegsähnlichen Situation auswachsen, wären die menschlichen Verluste kaum abzuschätzen. Denn der eurasische Balkan erstreckt sich über ein Gebiet, das mehrere hundert Millionen Menschen umfasst. Der amerikanische Historiker Niall Ferguson hat einem Artikel in Foreign Affairs mit dem Titel: „The Next War of the World“[38] sogar die These vertreten, dass ein solch grenzübergreifender Bürgerkrieg auf dem eurasischen Balkan wahrscheinlich einen neuen Weltkrieg darstellen würde. Ferguson kommt zu dem Schluss, dass die dann zu erwartenden Opferzahlen jene des Zweiten Weltkriegs übersteigen könnten. Die Foreign Affairs werden vom Council on Foreign Relations herausgegeben. Die Veröffentlichung von Fergusons Artikel in dieser Zeitschrift zeigt somit, dass der berühmteste außenpolitische Think Tank der USA einen ausufernden Bürgerkrieg auf dem eurasischen Balkan als eine Möglichkeit ansieht, mit der zu rechnen ist.
Würde eine mächtige Koalition aus verschiedenen Staaten, ähnlich wie die NATO 1999 in Jugoslawien, schließlich als „friedensstiftende“ Macht in einem solchen Konflikt eingreifen, so wäre sie nicht nur in der Position, die Grenzziehungen des Nahen Ostens und Zentralasiens neu zu bestimmen. Eine solche Koalition wäre auch in der Lage, direkten militärischen Einfluss in einem Gebiet auszuüben, das Mackinder einst als das Herzland Eurasiens und damit letztlich der Welt bezeichnet hat. Zusätzlich zu dieser geographischen Schlüsselposition gewänne eine solche Koalition außerdem noch die Kontrolle über einen beträchtlichen Teil der weltweiten Öl- und Gasvorräte, die ebenfalls in dieser Region beheimatet sind. Eine solche „friedensstiftende“ Koalition wäre somit der eigentliche Gewinner in einem solchen Krieg. Sie würde über zwei bedeutende geopolitische Machthebel zugleich verfügen: zum einen über die Kontrolle der ölreichsten Region der Welt und zum anderen die Kontrolle über eine Region, die aus geographischer Sicht den Mittelpunkt der Welt darstellt – ihr Herzland, wie Mackinder es nannte. Wer auch immer eine vollständige Macht über den Nahen Osten und Zentralasien gewinnt, dürfte damit zugleich auch der maßgebliche Hegemon des 21. Jahrhunderts sein. Wer jedoch eine solche vollständige Kontrolle dieser Region anstrebt, gerät damit automatisch in einen Interessenskonflikt mit Russland. Denn Russland beherrscht zurzeit die nördliche Hälfte dieser Region, die entweder Teil des russischen Staatsgebiets ist oder aber in die russische Einflusssphäre fällt.
Kriege kündigen sich in der Berichterstattung an
Dass zukünftige geopolitische Konflikte mit Russland möglicherweise bereits geplant werden, wird nicht nur an dem Streit um den Raketenschild deutlich. Auch die Darstellung Russlands in der deutschen und westlichen Presse hat sich innerhalb kurzer Zeit grundlegend gewandelt. War die Berichterstattung in den neunziger Jahren von der Erleichterung darüber geprägt, dass der Schrecken des Kalten Krieges und damit auch die institutionalisierte Feindschaft in der Presse endgültig vorbei sei, so konnte man in letzter Zeit eine Rückkehr bestimmter Schemata der Berichterstattung aus der Zeit des Kalten Krieges beobachten. Sehr auffällig wurde dies in den Monaten, die den russischen Präsidentschaftswahlen unmittelbar vorausgingen. In der Zeit zwischen Oktober 2007 und April 2008 übertraf sich die etablierte Presse gegenseitig mit Meldungen, die Parallelen zwischen dem heutigen Russland und der ehemaligen Sowjetunion herstellten. Dass sich die russische Gesellschaft seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion tiefgreifend geändert, sowie eine Liberalisierung der Lebensweise stattgefunden hat und eine Rückkehr zu einem diktatorischen Gesellschaftsmodell nicht ohne weiteres denkbar ist, wird von der deutschen Presse systematisch ausgeblendet. Hinzu kommt, dass, sobald Interessenskonflikte zwischen Russland und dem Westen zur Sprache kommen, die russische Sicht der Dinge kaum erwähnt wird. Statt die wechselseitigen Interessenskonflikte zu analysieren, wird Russland als ein Land porträtiert, dessen Ansprüche an den Westen in der Regel überzogen sind und sich nicht begründen lassen. Russland, so lautet das Fazit, ist mit Drohgebärden auf die Weltbühne zurückgekehrt.
Dass das Russlandbild der deutschen Öffentlichkeit sich gegenwärtig tatsächlich wieder dem Tiefpunkt annähert, den es zu Hochzeiten des Kalten Krieges schon einmal innehatte, macht ein kurzer Blick auf die Überschriften deutlich, die in den Monaten vor den russischen Präsidentschaftswahlen in der deutschen Presse zu lesen waren: „Der ‚lupenreine Demokrat’ und seine russische Zuchtanstalt“ (Stern), „Putin plustert sich auf“ (taz), „Wladimir Putin raubt Russland die Freiheit" (Welt), „Russlands Neonazis: schon Kinder heben die Hand zum Hitler-Gruß“ (Spiegel), usw. Immer wieder erscheinen Artikel, die Russland in die Nähe zur einstigen Sowjetunion rücken. So unterstellte die Süddeutsche Zeitung Putin ein Geschichtsbild, das „Nein zu Jelzin (und) Ja zu Stalin“ sagt. Dass der russische Präsident einige Monate später eine Gedenkstätte für Stalin-Opfer besuchte und dabei den stalinistischen Terror als eine „Tragödie für Russland“[39] bezeichnete, wurde dagegen von der SZ nicht berichtet. Ganz ähnlich verfährt die von der Bremer Forschungsstelle für Osteuropa herausgegebene Zeitschrift „Russlandanalysen“. In ihrer Dezemberausgabe des Jahres 2007 wurde sogar ein Bezug zur deutschen Vergangenheit hergestellt. Die Zeitung kommt zu dem Schluss, dass sich Russland „am Rande des Faschismus“ befindet. Angesichts der „Putin-Bewegung“, so Heinrich Vogel, der zwischen 1972–76 das Osteuropa-Institut in München geleitet hat, falle es schwer, „Erinnerungen an die Propaganda der Nationalsozialisten beim Referendum nach dem Anschluss in Österreich im Jahr 1938 mit ihrem Motto ‚Dein Ja zum Führer’ zu unterdrücken. Die Techniken faschistischer Massenmanipulation und Mobilisierung haben sich nicht verändert, und ihre Eigendynamik sollte nicht unterschätzt werden.“[40]
Sofern diese Pressedarstellungen ein Gradmesser für den Zustand der russisch-deutschen Beziehungen sind, scheinen sich diese im zurückliegenden Jahr in atemberaubendem Tempo verschlechtert zu haben. Das ist umso außergewöhnlicher, da mit Wladimir Putin ein erklärtermaßen deutschlandfreundlicher Politiker im Kreml regiert. In der Tat waren die russischen Bemühungen um eine Aussöhnung mit Deutschland in Putins Amtszeit so intensiv wie sonst vielleicht nur noch unter der Regentschaft Michail Gorbatschows. Doch die historischen Möglichkeiten einer Annäherung an Russland wurden in der deutschen Presse nie ausgelotet, geschweige denn thematisiert. Das Freundlichste, was sich über die aktuelle Russland-Berichterstattung in der deutschen Presse sagen kann, ist, dass diese extrem einseitig ist, die Komplexität der Verhältnisse unberücksichtigt lässt und positive Nachrichten über Russland systematisch ignoriert. Möglicherweise ist dieses Urteil sogar noch zu freundlich formuliert. Der ehemalige Präsident Michail Gorbatschow sprach Anfang des Jahres in einem offenen Brief an die deutschen Journalisten sogar von einer Pressekampagne, die deutsche Medien gegenüber seinem Land veranstalten würden und von der er sich als ehemaliger Präsident und Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung persönlich getroffen fühle.[41] Und der amerikanische Politiker Paul Craig Roberts, einst Vizefinanzminister unter Ronald Reagan und heute führender Kritiker neokonservativer Regierungspolitik, sprach im März dieses Jahres angesichts der aktuellen Berichterstattung über Russland sogar von Techniken psychologischer Kriegsführung.[42]
Europa steht vor einer Grundsatzentscheidung
Die Grundsatzentscheidung darüber, welchen weiteren Verlauf die Geschichte im 21. Jahrhundert nehmen wird, liegt wahrscheinlich weder bei den USA noch bei Russland. Die Interessen sowohl Russlands als auch der USA sind zu eindeutig und programmatisch festgelegt, als dass beide Staaten sich ernsthaft zwischen grundsätzlich verschiedenen Alternativen entscheiden könnten. Russland würde sein Interesse, die ehemaligen Sowjetrepubliken als seine natürliche Einflusszone anzusehen, wahrscheinlich nie fallen lassen. Umgekehrt scheinen die USA nicht gewillt zu sein, ihre Vorherrschaft auf dem eurasischen Kontinent kampflos aufzugeben. Die Entscheidung in diesem „Great Game“ liegt deshalb bei einem geopolitischen Akteur, der für die USA auf der einen Seite ein unverzichtbarer Partner ist, dessen eigene Interessenlage von der US-amerikanischen jedoch in wichtigen Punkten abweicht und der von verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten profitieren könnte, also wirklich vor einer Wahl steht.
Die einzige geopolitische Macht, auf welche diese Beschreibung zutrifft, ist Europa. Das von Brzezinski vorgelegte geopolitische Konzept amerikanischer Vorherrschaft im 21. Jahrhundert erweist sich in jeglicher Hinsicht abhängig von europäischer Kooperation. Ohne eine von der EU unterstützte Osterweiterung der NATO erwiese sich der Plan, ein von den USA dominiertes transeurasisches Sicherheitssystem zu schaffen, als unrealistisch. Auch die militärische Aufrüstung der USA gegenüber Russland wäre problematisch, wenn europäische Staaten eine Beteiligung am Raketenschild verweigern würden. Schließlich müssten US-amerikanische Rüstungsanstrengungen auch in anderen Bereichen schnell an Grenzen stoßen, wenn diese auch nur in Teilen der EU öffentlich kritisieren würden. Weder der Einsatz von Uranmunition im Irak und Afghanistan mit seinen katastrophalen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung noch die Entwicklung von Atomwaffen mit geringer Sprengkraft noch die Entwicklung weltraumgestützter Waffensysteme wäre ohne die schweigende Tolerierung durch die EU-Staaten möglich.
Seiner eigenen geopolitischen Lage nach kann Europa sowohl atlantische als auch eurasische Kooperationen eingehen. Eine Politik, die sich sowohl nach Westen als auch nach Osten orientieren würde, wäre den europäischen Interessen am ehesten zuträglich. Eine solche Ostorientierung der EU versuchen die USA zu verhindern. Möglicherweise spekulieren sie darauf, dass die Installation eines Raketenschildes in Osteuropa russische Reaktionen nach sich zieht. Die dadurch erzeugte Verschlechterung der russisch-europäischen Beziehungen könnte dann das Bedrohungsszenario erzeugen, das die USA brauchen, um Europa auf eine transatlantische Orientierung festzulegen.
Doch anders als der amerikanische ist der europäische Kontinent in zwei Weltkriegen verwüstet worden. Aus dieser Erfahrung resultiert eine Verantwortung Europas gegenüber der Welt, seine Entscheidungen mit dem sicheren Gespür zu treffen, wann Machtpolitik in Selbstzerstörung umschlägt. Europa ist den Weg, der direkt in die Barbarei führt, zweimal gegangen und sollte in der Lage sein, die Zeichen frühzeitig zu erkennen, mit denen sich die abschüssige Bahn der Katastrophenpolitik ankündigt. Kriegslüsterne Eroberungsträume sollten europäischen Politikern deshalb fremd sein. Sie wirken in der heutigen Welt ohnehin anachronistisch. Ein neues nukleares Wettrüsten auf europäischem Boden darf nicht zugelassen werden! Amerikanische Träume, in denen die USA in der Rolle eines zweiten Roms gesehen werden[43], sind der kulturellen Entwicklung des heutigen Menschen nicht mehr angemessen. Sollte Brüssel nicht in der Lage sein, den Regierungen Polens und Tschechiens die Stationierung US-amerikanischer Radar- und Raketenabschussanlagen auszureden, so stellt sich die Frage, welchen politischen Sinn und Zweck die Europäische Union eigentlich noch hat. Im Übrigen ist die kulturelle Ausstrahlung Europas stark genug, und die EU verfügt zudem über genügend wirtschaftliche Druckmittel, um die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Russland in ihrem Sinne zu beeinflussen. Voraussetzung ist natürlich, dass man die Legitimität russischer Interessen anerkennt. Und schließlich ist Angst vor Russland auch faktisch ganz unangebracht. Die Erholung und Stabilisierung des Landes bedeutet noch lange nicht, dass Russland allzu bald eine Weltmacht werden wird. Dazu ist die ethnische Fragmentierung in seinen südlichen und östlichen Provinzen zu groß. Die Größe des Landes stellt auch ein Eigengewicht dar, das Kräfte bindet und außenpolitischen Abenteuern eher im Wege steht. Und auch ein wirtschaftlich erholtes Russland wird immer noch deutlich schwächer sein als die Wirtschaftsräume Chinas und Europas. Nichtsdestotrotz liegen die zukünftigen wirtschaftlichen Wachstumsräume in Russland, Indien und China, und es wäre daher ein Selbstverrat europäischer Interessen, wenn die EU sich an dem von den USA geplanten neuen Kalten Krieg beteiligt und es zulässt, dass ein neuer eiserner Vorhang Europa von Asien trennt.
Auch in anderen Bereichen ist es erforderlich, dass die Europäische Union den USA selbstbewusst entgegentritt. Wie alle Industrienationen sind auch europäische Staaten an einem günstigen Zugang zu den Ölvorräten im Nahen und Mittleren Osten interessiert. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund von Peak Oil. Die USA tragen erhebliche Mitverantwortung dafür, dass präventive Maßnahmen zur Bewältigung der kommenden Energiekrise bislang kaum ergriffen worden sind. Versuchen, die zukünftige Energieknappheit vorzugsweise militärisch zu lösen, sollte Europa eine klare Absage erteilen. Der Irak ist ein Beispiel dafür, dass eine militärische „Lösung“ auch gar nicht möglich ist. Es wäre deshalb dringend nötig, eine internationale Konferenz zu dem Thema einzuberufen und international abgestimmte Strategien zu entwerfen, die auch Länder wie Russland, China und Indien als gleichberechtigte Partner mit einbeziehen.
Brzezinskis geopolitische Analysen besitzen eine Eigenlogik mit hoher Überzeugungskraft. Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Prämissen falsch sind. Eurasien als Schachbrett zu betrachten, ist auf den ersten Blick eine originelle Idee. Doch wie so viele Ideen, die Geschichtsmächtigkeit beansprucht haben, erweist sie sich bei genauerer Betrachtung als geistig leer und politisch verheerend. Die Welt ist im 21. Jahrhundert sehr klein und zerbrechlich geworden. Geopolitische Machtspiele, mit denen die Logik eines Schachspiels auf Kontinente übertragen wird, können dieser neuen Situation nicht gerecht werden. Es ist daher erforderlich, die geopolitische Logik an sich zu relativieren und in Zweifel zu ziehen. Statt den geopolitischen Machtkampf bis zum Äußersten zu treiben, käme es darauf an, der geopolitischen Denkweise eine Logik der Zivilisation entgegenzustellen. Viel wichtiger als die Frage, ob das 21. Jahrhundert ein amerikanisches, europäisches oder chinesisches sein wird, ist die Frage, auf welchen Prämissen wir im 21. Jahrhundert das Leben der menschlichen Gattung begründen wollen. Die USA haben mit Guantánamo und der Grünen Zone in Bagdad ihre Vorschläge bereits eingereicht. Nun ist Europa am Zuge. Europa hat die Kraft und die Möglichkeit, die US-amerikanischen Welteroberungspläne zu begraben. Und Europa sollte dies im Interesse der Zivilisation auch tun.
Der Artikel erschien in gekürzter Fassung in „Blätter für deutsche und internationale Politik“, Heft 7, 2008.
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[1] Zbigniew Brzezinski, Second Chance, New York 2007, S. 39
[2] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997, S. 307
[3] Ebenda, S. 57
[4] Ebenda, S. 54 - 58
[5] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997, S. 64
[6] Ebenda, S. 283
[7] Ebenda, S. 304 - 306
[8] Ebenda S. 91
[9] Ebenda, S. 129
[10] Ebenda, S. 303
[11] Ebenda, S. 305
[12] Ebenda, S. 297
[13] Rede von Wladimir Putin auf der Konferenz für Sicherheitspolitik in München am 10. 02. 2007, Was ist aus den Garantien geworden?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, März 2007, S. 374
[14] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997, S. 307
[15] Ebenda, S. 91
[16] Ebenda, S. 298
[17] Ebenda, S. 307
[18] Rede von Wladimir Putin auf der Konferenz für Sicherheitspolitik in München am 10. 02. 2007, Was ist aus den Garantien geworden?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, März 2007, S. 374
[19] Wolfgang Metzner, Uli Hauser, Uran-Munition: Der Fluch des Krieges, Stern, 20.03.2003
[20] Keir A. Lieber, Darley G. Press, The Rise of U.S. Nuclear Primacy, Foreign Affairs, April/Mai 2006, S. 42 - 54
[21] Elmar Getto, Sind Mini-Nukes harmlos?, in: Journalismus – Nachrichen von heute (oraclesyndicate.twoday.net/), 1. März 2006
[22] Eine Information der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e. V., Die Bedrohung der Zivilbevölkerung durch erdeindringende Atomwaffen geringer Sprengkraft - Nukleare “Bunkerknacker” und ihre medizinischen Folgen, in: IPPNW akzente, März 2003
[23] Seymour M. Hersh, The Iran Plans, The New Yorker, 17. April 2006
[24] Wladimir Putin, Im Wortlaut: Was Wladimir Putin am 4. Juni 2007 wirklich sagte, in: TLAXCALA (http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=3497&lg=de)
[25] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997, S. 142 ff.
[26] Ebenda, S. 168
[27] Ebenda, S. 288
[28] Ebenda, S. 288/289
[29] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997, S. 180
[30] Vgl.: Zbigniew Brzezinski, Second Chance, New York 2007, S. 189
[31] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht, Berlin 1997, S. 178
[32] „Order, Order: Can Mikhail Gorbachev deliver the Soviet Union from chaos without restoring centralised autocracy?“ The Economist, 22. Dezember 1990
[33] Naomi Klein, Russland und die neuen Flegeljahre des freien Marktes, in: Die Schock-Strategie, Frankfurt a. Main 2007 S. 349 - 354
[34] E.S. Browning, Bond Investors Gamble on Russian Stocks, Wall Street Journal, 24. März 1995
[35] Naomi Klein, Russland wählt die ’Pinochet-Option’, in: Die Schock-Strategie, Frankfurt a. M. 2007, S.323
[36] Vgl.: Zbigniew Brzezinski, Second Chance, New York 2007, S. 186 - 188
[37] „Doch in meinen Augen ist „the surge“ lediglich ein anderer Ausdruck für „ethnische Säuberungen“. Seymour Hersh, Die Brüchigkeit der Demokratie, Blätter für deutsche und internationale Politik, November 2007, S.1364
[38] Niall Ferguson, The Next War of the World, Foreign Affairs, 11. September 2006
[39] „Die Periode der Repression stelle eine besondere Tragödie für Russland dar. Das Ausmaß sei kolossal gewesen, die nationale Elite sei zerstört worden.“ Putin besucht Gedenkstätte für Stalin-Opfer, NZZ 31.10.2007
[40] Heinrich Vogel, Machtwechsel als Hütchenspiel, Russlandanalysen, Nr. 154, 21.12. 2007, S. 4
[41] Michail Gorbatschow, Offener Brief von Michail Gorbatschow, Russland.ru – Die Internetzeitung, 26.03. 2008
[42] Paul Craig Roberts, Secret Schemes and Undeclared Agendas, Counterpunch, 24.03.2008
[43] Vgl.: Anne Norton, Leo Strauss and the Politics of American Empire, New Haven 2004